Den letzten Riesen bezwingen - 24 Stunden in China

28.01.2020

Es gibt Länder, vor deren Bereisung ich großen Respekt habe. Indien steht ganz oben auf der Liste, darunter China. Indien habe ich vor einem halben Jahr bewältigt, jetzt ist China an der Reihe. Während eines 24 Stunden Layovers lerne ich Shanghai kennen.

Die größte chinesische Stadt ist erwartungsgemäß riesig. Alleine die Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum dauert eine Ewigkeit. Im Zug scheint es für die Fahrgäste zwei Optionen der Beschäftigung zu geben: ins Handy schauen oder schlafen. Es ist Sonntag und scheinbar ist halb Shanghai übermüdet. So viele Menschen, die an öffentlichen Plätzen einnicken wie hier, habe ich noch nie gesehen. Seelenruhig dösen sie in der U-Bahn oder bei der Arbeit, ausgeschlafen hat an diesem Sonntagmorgen scheinbar niemand.

Wir kommen im Stadtzentrum und beim "Bund" an. Die Skyline ist zwar beeindruckend, Google Bilder und Instagram aber haben meine Erwartungen nach oben geschraubt und so bin ich zwar erfreut, die Hochhäuser live zu sehen aber nicht überrascht. Die Skyline ist imposant aber nicht so modern, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ein paar Stunden später sieht das ganz anders aus. Nachts malt die Beleuchtung der Hochhäuser ein anderes Bild und diesmal zieht es mir die Schuhe aus, die schon ziemlich durchgelaufen sind.

Retro-Las Vegas

Wir erkunden die Stadt nämlich Großteils zu Fuß und wollen nichts verpassen. Die berühmte Einkaufsstraße, deren chinesischer Name mir natürlich nicht in Erinnerung geblieben ist, ist mit unzähligen Landesflaggen geschmückt. Überall hängen große Schilder, die mit chinesischen Zeichen bestückt sind, wahrscheinlich bewerben sie Geschäfte. Vor dreißig Jahren galten sie sicher als hypermodern, jetzt wirken sie ein wenig, als könnten sie in einer Retro-Version von Las Vegas stehen.

Apropos Las Vegas, an manchen Straßenecken fühle ich mich in eine andere Stadt in den USA versetzt: nach New York. Die alten Backsteinhäuser zwischen Hochhäusern könnten auch in Soho stehen. An Tokyo fühle ich mich erinnert, als ich versuche, mich in der U-Bahn zurechtzufinden. Shanghai war vor 20 Jahren wahrscheinlich eine der modernsten Städte, jetzt habe ich Tokio als moderner in Erinnerung. Beim Betreten der Station muss ich meine Tasche durch einen Sicherheitsdetektor durchschieben, wirklich gewissenhaft fühle ich mich aber nicht kontrolliert. Die Fahrt mit der U-Bahn stellt sich aber als einfacher heraus als gedacht. Die Stationen werden neben der Landessprache auch auf Englisch durchgesagt und angeschrieben, eine große Erleichterung. Denn teilweise werden Anweisungen nur auf Chinesisch kommuniziert, selbst am Flughafen weiß ich nicht, in welches Loch des Abfalleimers ich meine Plastikflasche werfen soll, alle Möglichkeiten stehen nur auf Chinesisch da.

Aber eigentlich kann ich Entwarnung gaben. China ist zwar eine andere Welt aber genau wie Indien finde ich es hier nicht "so schlimm" wie erwartet. Auch wenn die Menschen wenig bis kein Englisch verstehen, schaffe ich es, mich durch die Stadt zu navigieren. Das Essen bestelle ich mit dem Fingerzeig auf Bilder und lasse mich bei der Getränkewahl überraschen. Die Gerichte schmeckt gut, und Hund sehe ich nicht auf der Speisekarte. Natürlich braucht man ein wenig Reiseerfahrung und Vertrauen, um in Shanghai zu finden, was man will - aber mit ein bisschen Hausverstand auf beiden Seiten der Kommunikationskette ist das möglich.

Es ist angenehm leise hier, fällt auf. Die Straßen sind leer. Vielleicht weil Sonntag ist, vielleicht ist das immer so. Ich bemerke erst spät: Alle Roller und Autos werden mit Elektromotor betrieben! Darum merkt man die wenigen Fahrzeuge auf der Straße kaum. Leiser, unkomplizierter und angenehmer als gedacht. Meine 24 Stunden in Shanghai nehmen mir die Angst vor China, aber auch den Glauben, dass das hier eine der modernsten Städte der Welt sei.