Ein Tag im Flixbus

27.12.2018

Eine Chronik der Ereignisse auf einer Fahrt von Berlin nach Wien

9:00: Ich hetzte dem Ausgang der Bahnstation Südkreuz entgegen. Wenn ich als Erste an der Bushaltestelle stehe, bekomme ich sicher einen guten Platz am Fenster. Ich wage einen Blick gen Himmel. Grau, grau, grau. Es ist kalt. Mir bläst der Wind ins Gesicht. Ach Berlin, du macht mir den Abschied über die Weihnachtsferien wirklich nicht schwer. 

9:14: Aha. Man soll als Gast eine viertel Stunde vor Abfahrtszeit an der Station stramm stehen. Das gilt wohl nicht für den Bus. Der sollte nämlich in einer Minute abfahren, noch ist von ihm nichts zu sehen.

9:17: Flixbus ist da, und in ihm schon eine Menge Mitfahrer, die sich all die Sitzgelegenheiten geschnappt haben, auf die ich eigentlich gepokert habe. Jetzt geht der Kampf los. Es zählt jede Sekunde, um die letzten guten Plätze zu ergattern. Puh, beim Betreten des Busses kommt mir eine Geruchsfahne entgegen, die ganz und gar nicht einlädt, 9 Stunden in ihr zu verweilen. Aber nicht beirren lassen, denke ich, schnell in den zweiten Stock. Auch hier gibt es keine Fensterplätze mehr. Es gilt nun nur mehr grundsätzlich einen Platz zu finden, um nicht des Busses verwiesen zu werden. Ich sitze in der vorletzten Reihe neben einem fettleibigen Spanier. Er ist so dick, dass ich nur die Hälfte meines Sitzes benutzen kann.

Die erste Etappe in Atemnot

9:23: Der Busfahrer begrüßt uns alle auf einer Sprache, die ich mal grob als tschechisch einordne. Lustig, dass davon ausgegangen wird, dass man auf einer Busfahrt von Berlin nach Wien seine Gäste weder auf Englisch noch Deutsch ansprechen sollte.

9:40: Ich kann nur schwer atmen, muss mir die Luft hier hinten gut einteilen. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob der Sauerstoff für uns alle bis nach Wien reicht. Der Spanier schnarcht neben mir.

10:30: Mein Handy verliert langsam Akku, gerne würde ich es anstecken. Wenn es weiterhin nicht möglich ist, aus dem Fenster zu Schauen, verliere ich mit meinem Handy meine einzige Unterhaltungsmöglichkeit. Nichts zu machen: denn der umfangreiche Körper meines Nachbarn verdeckt die Öffnung der Steckdose, die sich zwischen unser beider Sitze befindet.

2. Etappe am Alpengipfel

11:15: Halleluja. Wir fahren in Dresden ein und ich sehe eine Chance, dieser schrecklichen Misere zu entfliehen. Hier macht der Flixbus nach Wien immer Zwischenstopp, Leute stiegen ein- und aus. Ich packe die Gelegenheit am Schopf und stürme nach vorne, wo ich eine ältere Dame aufstehen sehe. Tatsächlich - ich ergattere einen Platz am Fenster. Und das auch noch in der vorderen Hälfte des Busses, wo die Luftqualität, verglichen mit dem hinteren Teil, der eines Alpengipfels gleicht.

11:35 Zweiter Zwischenstopp an einer anderen Haltestelle in Dresden. Ein neuer Nachbar setzt sich zu mir und ich stelle mich schlafend, weil ich höre, wie vor mir Mitfahrer von ihren Sitzen verscheucht werden, weil diese angeblich reserviert waren. Nicht mit mir von diesem hart erkämpften Sitzplatz bewege ich mich nicht mehr weg. Ich werde nur von einem jungen Mann "geweckt", der mich schüchtern fragt, ob neben mir noch frei sei. Offensichtlich ist er mit den Regeln der Platzvergabe im Flixbus noch nicht vertraut. Hier nimmt sich einfach jeder was er kriegen kann.

Eine überraschende Wendung

11:45: Mein Sitznachbar bietet mir Kinder Bueno als Entschuldigung an, da er mich vorhin "geweckt" hat. Sowas ist mir im Flixbus noch nie passiert. Wir beginnen eine Unterhaltung, die ganze ein ein halb Stunden andauert. Der sympathische Bulgare macht in der Nähe von Dresden ein Praktikum im Rahmen seines Medizinstudiums. Wir unterhalten uns wirklich gut, ich mag Alex, als der sich vorstellt. Jetzt bin ich also eine von diesen verrückten über sozialen Gestalten, die sich im Flixbus mit ihren Sitznachbarn anfreunden.

13:30: Wir kommen in Prag an. Ich weiß, dass hier meine einzige Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme ist. Langsam werden die Kekse, die ich mir zum Frühstück, Mittag- und Abendessen mitgenommen habe nämlich schon etwas eintönig. Auf jeder Flixbusfahrt zwischen Berlin und Wien wird auf einem eher öden Busbahnhof in Prag für etwa zehn Minuten Halt gemacht. Das kulinarische Angebot ist überschaubar - aber es gibt einen Hotdog Stand der neben tschechischen Kronen auch Euro als Bezahlung akzeptiert. Das kulinarische Erlebnis ist in etwa so, wie man es sich auf einem tschechischen Busbahnhof vorstellt. Aber dieser mittägliche Hotdog ist meine einzige Chance meinen Hunger bis zur Ankunft in Wien zu stillen. So steige ich also jedes Mal aus, hetzte zum Würstelstand und probiere eine neue Hotdog-Version. Jede ist schlechter als die andere. Danach überkommt einen immer so ein schmutziges Gefühl als hätte man seit Wochen nicht geduscht. Aber wenigstens wird die Frage, ob ich heil in Wien ankomme, nicht am Hunger scheitern.

Der Bus wird zur Festung

13:50: Wir fahren vom Busbahnhof ab, und kommen an einer zweiten Station in Prag an. Großes Drama vor den Bustüren. Menschen stehen vor unserem Bus und wedeln mit Tickets herum. Der Busfahrer schreit auf Tschechisch herum, alle diskutieren, die Menschen werden nicht hereingelassen.

13:54: Nach einigen Minuten wilden Diskussionen werden die verwirrten Zivilisten vor der Tür zurückgelassen. Jemand zeigt dem Busfahrer seinen Mittelfinger. Das Klatschen, das von außen zu hören ist, ist sicher nicht nett gemeint.

Ein Feuerwerk von Gefühlen auf dieser Fahrt

16:15: Das Unglaubliche ist passiert: Ich habe tatsächlich ein Nickerchen machen können. Aber mit dem idyllisch aus dem Fenster schauen wars das damit auch. Es ist stockdunkel draußen.

16:40: Mittlerweile sind alle Fotos auf meinem Handy betrachtet, neu bearbeitet und umsortiert. Während dieses Tages war ich schon viel zu oft auf Instagram. Langsam tut mein Po vom Sitzen weh. Noch ein ein halb Stunden.

17:05: Gerade als wir von Tschechien über die Grenze fahren steigt auf der österreichischen Seite ein Feuerwerk. Eine würdige Begrüßung.

18:15: Mit einer Viertelstunde Verspätung taumle ich aus dem Bus, der mittlerweile in Wien, Erdberg angekommen ist. Es ist jedes Mal erstaunlich wie hässlich dieser Teil von Wien ist. Ausgerechnet diesen Ort sollen Besucher als Erstes sehen, wenn sie in der Stadt ankommen? Aber ich muss trotzdem lächeln. Wien, ach Wien - ich hab's lebend nach Hause geschafft.