Warum es sich lohnt, Abstand zu gewinnen

23.12.2017

Manchmal muss man erst länger von zu Hause weg, um das die sonst so normale Umgebung richtig zu sehen. Um zu wissen, wie man sich selbst gegenüber bestimmten Personen verhält, um das Besondere daran zu sehen, einfach mit der Straßenbahn fahren zu können und um zu wissen, dass man sich für ein Mittagessen genauso gut eine Hostelnacht in Südostasien leisten könnte. Sprich, um sein zu Hause erst wirklich mit klaren Augen und aus objektiver Perspektive sehen zu können, muss man es erst verlassen.

Meine Reise durch Osteuropa veränderte, wie ich Züge sehe

Nachdem ich im Sommer durch ganz Osteuropa mit der Bahn gefahren war, kamen mir österreichischer Schnellzüge wie das Paradies schlechthin vor. Es war sauber, man konnte sein Gepäck in dafür vorgesehene Bereiche am Beginn und Ende jedes Wagens stellen und der Luxus schlechthin: Es gab Steckdosen und kleine manuell zu bedienende Lämpchen über dem Kopf. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich mal so freuen würde, wenn man an der Rückseite der Lehne des Vordermanns ein kleines Tischchen ausklappen kann. Ja, selbst anlehnen konnte man sich in den österreichischen Zügen - unglaublich. Wie viel sich in fünf Tagen im Zug quer durch Osteuropa ändern kann.

In erster Linie waren es nicht unbedingt nur die heimischen Züge, die ich im Zuge meiner Reise schätzen und lieben gelernt habe. Von öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht anzufangen - wie unglaublich ist es, dass eine Stadt Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und Schnellbahnen hat. Und auch noch so viele davon, dass man selten länger als 15 Minuten tatsächlich seine Beine benutzen muss, um an seine Destination zu kommen.

Fernblick

Am einschneidendsten für mich war es aber, mich selbst zu analysieren, wenn ich Freunde oder Familie wiedergesehen habe, die ich in meinem bisherigen Alltag in Wien regelmäßig sehe. Ohne es selbst beschreiben zu können, oder sich daran besonders spezifisch zu erinnern, verfällt man in ein bestimmtes Schema, das man bisher auch im Umgang mit dieser Person an den Tag gelegt hat. Sei es eine bestimmte Art zu reden, ein Gefühl, das in einem ausgelöst wird, oder eine gewisse Art, Geschichten zu erzählen. Ganz vertraut verfällt man in das für diese Person normale Verhalten und ertappt sich dabei, zu denken "Aja, stimmt genau - so war ich doch immer im Umgang mit dieser Person"

Nach zeitlichem Abstand vom Alltag und den Menschen, die einem lieb sind, kann man wirklich viel darüber erfahren, wie man sich selbst Beziehung zu ihnen verhält. Ob man sich verstellt oder ob man mit diesem Menschen wirklich Zeit verbringen will. Am allermeisten, finde ich aber, findet man durch diesen Abstand über sich selbst heraus. Es ist also tatsächlich so, wie es einem in Videos auf Youtube mit Dubstep Musik im Hintergrund und Zusammenschnitten von Klippenspringen und Abenteuern über den ganzen Globus verteilt erzählt wird: Beim Reisen lernt man sich selbst kennen.