Von Lombok nach Komodo - Im echten Indonesien

28.03.2019

Wasser, eine Insel am Horizont, Reis und 33 andere Passagiere. Das ist das Meiste, was ich vier Tage lang zu sehen bekomme. Ich bin an Bord eines kleineren Schiffs, das von Lombok nach Flores unterwegs ist. Beide Destinationen sind indonesische Inseln, von denen wir auf der Reise noch viele andere sehen werden. Auf dem kleinen Boot verbringe ich drei Nächte und vier Tage mit Gästen aus aller Welt auf engstem Raum - ohne Dusche. Wenn das nicht mal nach Abenteuer klingt.

Lombok erwacht aus seinem Albtraum

Lombok, der Startpunkt der Reise, liegt östlich von seinem berühmten Nachbarn Bali. An Bekanntheit gewonnen hat die Insel Lombok durch einen tragischen Vorfall im August 2018. Am 5. August um 19:46 Ortszeit erschüttert ein Erdbeben der Stärke 5,5 auf der Richterskala die Insel. 480 Personen sterben, 7800 werden verletzt und etwa 350.000-417.000 Bewohner obdachlos. Hunderte Nachbeben folgen auf die Erschütterung, und auch die Nachbarinseln Bali und Sumbawa melden starke Beben.

Beim Betreten der Insel am Hafen Bangsal ist nicht zu übersehen, was das Erdbeben angerichtet hat. Der Hafen im Norden der Insel liegt nahe des Epizentrums des Erdbebens, und so steht hier fast kein Stein mehr auf dem anderen. Kaum eine Moschee ist noch heil, fast alle dünnen, hohen Türme, die Teil des Gebetshauses sind, wurden zerstört. Überall sind Gerüste aufgebaut, die Menschen versuchen sich so gut es geht selbst zu helfen. Doch die Regenzeit, in der von November bis März täglich kübelweise Wasser auf Lombok prasselt, erschwert den Wiederaufbau.

Selbst im Süden der Insel fällt auf, wie sehr die Inselbevölkerung unter den Auswirkungen des Erdbebens leidet. Der Tourismus bleibt weiterhin quasi aus. Es ist ein komisches, melancholisches Gefühl, in einem Ort zu sein, der offensichtlich auf viele Touristen ausgelegt ist, diese aber nicht mehr kommen. Die Einheimischen stürzen sich deshalb auf die wenigen Besucher, die trotzdem auf Lombok Urlaub machen. Das merke ich als Tourist, ein angenehmes Gefühl ist es nicht. 

Alltag im auf der gebeutelten Insel 

Die Situation "schön zu trinken" ist auch schwer. Denn in Materam, der Hauptstadt der muslimischen Insel, wird kein Alkohol verkauft. Nur ein kleiner Hotelladen soll der Legende nach Bier besitzen, wird durch die Straßen geflüstert. Ich jedenfalls sehe keine Flasche Bier während meines Aufenthalts.

Doch trotz der traurigen Situation, in der sich Lombok nun seit August 2018 befindet, ist die Insel touristisch unterbewertet. Die Reisterrassen, an denen man hier einfach neben der Straße vorbeifährt, sind mindestens so schön wie jene, in denen sich auf Bali hunderte Touristen tummeln. Eine Fahrt mit dem Motorrad, auf einer der wenigen Straßen, die durch die Insel führen, löst bei mir das ultimative Freiheitsgefühl aus. Wunderschöne, unbeachtete Landschaften ziehen an mir vorbei. Die Fahrt ist wild und gefährlich, im asiatischen Straßenverkehr gibt es bekanntlich keine Regeln. Trotzdem wird mir von keinem Einheimischen etwas aufgedrängt, niemand ruft mir "Taxi, Taxi, Miss" zu, auch komisch angeschaut werde ich nicht. Ungewohnt als junge, allein reisende Frau in Indonesien.

Auf einer Nussschale zu den Dracheninseln

Von Lombok aus besteige ich mit Fremden, die schnell zu Freunden werden, ein Boot, das uns nach Flores bringen soll. Am Weg werden wir die Komodo Inseln besuchen. Ein Naturparadies, das die Komodo Drachen beheimatet, bis zu drei Meter große Echsen. Das Boot ist so, wie man es sich für einen Preis von 130 Euro für vier Tage Verpflegung, Transport, Schlafmöglichkeit und Ausflüge vorstellt: sehr einfach. Eine Dusche gibt es nicht, dafür aber eine "echte" Toilette, auf der man sich hinsetzen kann, gleich hinter dem Plumpsklo. Luxus in Indonesien.

Der Gemeinschafts-Schlafraum besteht aus etwa zehn aneinandergereihten dünnen Matratzen, die gegenüber einer zweiten Matratzen-reihe liegen. Zwanzig Backpacker wie Sardinen aneinandergereiht, viel Bewegungsfreiheit bleibt nicht. Aber die Pinguine müssen es ja richtig machen, wenn sie in der Kälte kuscheln - und kalt wird es nachts werden.

Wir müssen Opfer bringen

Bei wunderschöner Kulisse werden schnell neue Freundschaften geschlossen. Das endlose Meer, das uns auf allen Seiten umgibt, macht es unmöglich, sich zurückzuziehen. Nur wenn's ums Essen geht, wird die neue Familie kurz vergessen - denn davon gab es stets zu wenig, und außerdem immer dasselbe. Reis mit Gemüse. Reis mit Gemüse und Tofu. Reis mit Nudeln. Einmal gibt es Huhn, aber das ist eine eher fragwürdige Geschichte.

Ab dem zweiten Tag hat das winzige Fischerboot, das uns in kleinen Gruppen näher an Inseln heranbringen sollte, einen Motor. Von wo der her kommt, weiß niemand, denn wir hatten seit dem letzten Abend keinen Fuß mehr auf Land gesetzt.Davor war bereits Huhn zum neuen Passagier geworden. Nachdem wir unseren gefiederten Freund freudig in unsere Mannschaft aufgenommen haben, war er gleichzeitig mit dem Auftauchen des Motors einfach weg. "A sacrifice" wurden wir von dem indonesischen Kapitän aufgeklärt. Logisch: wir müssen also unser Huhn für den neuen Motor opfern.

Doch am nächsten Tag befindet sich bereits ein neues Huhn an Bord. Wir erwarten einen zweiten Motor oder ein zweites Boot, finden aber Hühnerteile im Gemüsematsch, den wir zum Abendessen serviert bekommen. Es grenzt schon ein wenig an Kannibalismus, wenn wir beginnen, andere Passagiere zu essen.

Drachensuche

Am dritten Tag - mittlerweile merke ich das Schaukeln des Bootes auch, wenn ich an Land bin - betreten wir endlich die erste Dracheninsel. Hier, auf der Hauptinsel des Komodo Nationalparks, die treffenderweise Komodo genannt wird, können - wer mag es glauben - Komodo Drachen zu Hause besucht werden. Kaum beginnt der Spaziergang, sehen wir schon zwei Drachen mitten im Touristenpfad liegen. Zufall? Wohl kaum. Ein beeindruckender Anblick, selbst für eine Reisende wie mich, die die Komodo Inseln nicht wirklich wegen der Tiere, sondern der Landschaft bereist.

Zu nah sollte man den Tieren auf keinen Fall kommen, denn die Kannibalen essen sogar ihre eigenen Kinder auf. Ein Biss genügt, um zu töten. Die Komododrachen injizieren dabei das Gift, das sie in ihrem Unterkiefer tragen. Es kann bis zu Wochen oder Monate dauern, bis das Opfer schlussendlich stirbt - ein Mensch hat nur zwölf Stunden Zeit, um ins Krankenhaus zu gelangen. Das nächste Krankenhaus liegt aber nicht unbedingt nebenan, sondern kann vom Nationalpark in etwa drei Stunden per Boot und zwei Stunden Autofahrt erreicht werden, wie wir bei unserer Tour durch die Dracheninsel erfahren. Rund 3000 Exemplare dieser größten Echse der Welt sind noch am Leben, ganz genau wie viele weiß aber niemand.

Zu unserer Verteidigung haben wir auf der Tour fünf Führer dabei, die uns beschützen sollen. Doch die haben nur eine Astgabel mit und schauen auch sonst eher uninteressiert in der Gegend herum. Ich weiß nicht so recht, wie sicher ich mich in ihrer Begleitung fühlen soll. Doch so gefährlich sie auch sein mögen: bei meinem Besuch lagen die Komodos einfach im Schatten, um zu faulenzen. "Es ist 12 Uhr, wenn die Sonne am höchsten steht, bewegen sie sich nicht gerne, und vor allem nicht in der Sonne" erklärt ein Ranger. Tja, da sind sie nicht alleine, murmle ich, während ich bei brütender Hitze weiter auf einen Hügel wandere.

Verstecktes Paradies Komodo

Bepackt mit dem obligatorischen Drachen-Selfie geht es zurück aufs Boot, mit dem wir auf die zweite Insel des Komodo-Nationalparks segeln - Padar. Auch hier leben Komodo Drachen, doch es sind nur sechs, die sich auf die gesamte Insel verteilen. Also marschieren wir ohne Ranger herum. Wer eine der sechs Echsen sieht, hat anscheinend einfach Pech gehabt. Pünktlich zum Sonnenuntergang starten wir unsere Wanderung auf den höchsten Punkt der Mini-Insel. Vorweg: diese Wanderung mit Flip-Flops zurückzulegen, wie ich es gemacht habe, ist eine schlechte Idee. Heil oben angekommen aber, genieße ich den wohl schönsten Ausblick meines Lebens. Die Insel mit ihrer speziellen Form liegt in saftiges Grün getaucht vor mir. Rundherum sind überall andere Inselgrüppchen zu sehen, dazwischen glänzendes blaues Meer. Es ist still. Ich sitze im nirgendwo, auf einer Miniatur-Insel in Indonesien. Diesen Ort kann nur mit einer mindestens zweistündigen Bootstour erreicht werden - ein verstecktes Paradies.

Am nächsten Abend kommen wir in Labujan Bajo, dem Zielhafen in Flores an. Die Geräusche der wenigen vorbeifahrenden Motorräder verschrecken mich. Es war so still die letzten Tage. Die Stadt auf der Insel Flores ist ein Transitort. Jeder, der hier ist, fährt auf die Komodoinseln. Denn in der Stadt selbst gibt es nicht wirklich etwas zu tun. Wir Weißen werden angeschaut, Mädchen angesprochen. Ich bin wieder in der wirklichen Welt angekommen.

Am nächsten Morgen fliege ich mit einem wunderschönen Ausblick zurück nach Bali und erlebe einen kleinen Kulturschock. Gestern saß ich doch noch auf einer verlassenen Insel, heute bin ich in einem lauten Strandclub, umgeben von Menschen mit Mojitos in der Hand. Um Indonesien zu sehen, muss man aus Bali raus.