Karnevalsanfänger - Mein erstes Mal am Kölner Karneval

02.03.2020

Es ist 9:30 an einem Donnerstag und ich frühstücke Bier. Ich bin "schon" wach und nicht "noch", und nein, als Alkoholikerin würde ich mich auch nicht beschreiben. Das kann nur eins bedeuten: Karneval. Tatsächlich, ich bin in Köln, um den Feier-Marathon zum ersten Mal mitzumachen. Hätte ich während diesem Frühstück nur schon gewusst, was in der nächsten Woche noch alles auf mich zukommen würde.

In der Weiberfastnacht geht es um 11:11 normalerweise schon in den Club, da muss davor nun wirklich auch gemütlich vorgetrunken werden. Mein Bier schmeckt nach Zahnpasta und ich bin mir etwas unsicher, in welche Richtung sich mein Leben durch diese Erfahrung entwickeln wird. Zwei Stunden später ist mir das alles egal. Ich stehe zwischen Freunden und Fremden irgendwo in Köln und tanze zu Songs, die ich noch nie gehört habe. Eigentlich darf ich das gar nicht laut sagen, geschweige denn ins Internet stellen, aber ja ich gebe es zu: Ich hab mich nicht auf den Karneval vorbereiten und kenne, sage und schreibe, ein Karnevalslied. Sich über den Text hinweg zu schummeln ist schwer: Alles ist auf Kölsch. Ich kann kein Kölsch, ich verstehe kein Kölsch und es klingt absolut lächerlich, wenn ich versuche, Lieder in diesem Dialekt zu singen. 

Als ich am nächsten Tag aufwache, will ich eins auf gar keinen Fall: weitertrinken. Aber ich muss durchbeißen, denn Abends steht ein Club auf dem Programm. Abends beginnt während dem Karneval aber scheinbar ganz wann anders als sonst, nämlich zu einer Zeit, die ich als späten Nachmittag bezeichnen würde. An dem Punkt wusste ich allerdings noch nicht, dass ich mich in ein paar Tagen gefreut hätte, erst am späten Nachmittag wieder in die Schlacht zu müssen.

Der Club hat drei Floors, das juckt aber keinen. Denn nur auf einer Tanzfläche wird Karnevalsmusik gespielt und alle, die während Karneval irgendeine andere Musik hören sind scheinbar Sündiger. Ich bin so verzweifelt, ich würde sogar Techno im Keller lieber hören als eines der Lieder, bei denen alle mitgrölen außer ich. Es ist wirklich unglaublich unangenehm, wenn ein Song angespielt wird, alle schreien vor Freude und du hast ihn noch nie gehört und musst dich für die nächsten drei Minuten schämen.

Die Dusche singt ja gar nicht

Vielleicht sollte ich an dem Punkt erwähnen, wie ich mich an diesen Tag in Schale geworfen habe. Ich gehe als Dusche. Ja, richtig gelesen. Ich trage einen Duschvorhang als Schleier (jetzt weiß ich auch, wie sich eine Braut fühlt) und ein hellblaues Kleid, dass vorne mit einem Duschkopf bedruckt ist. Um dem Ganzen noch ein bisschen Sexiness zu verleihen, greife ich zu einer Duschhaube, die ich nutze, um mich vor den Blicken im Club zu schützen, wenn sie merkten, dass die Dusche gar nicht mitsingt.

Die Party am nächsten Abend, zu der man gehen muss, weil alle kommen, beginnt um fünf. Meine Stimmung an dem Punkt könnt ihr euch vorstellen. Ich habe keine Kraft mehr, mir ein Outfit zu überlegen und nehme das, was mein Freund Henri (der Kölner) am Tag zuvor getragen hat. Heute bin ich 70s-Girl. Zwar nicht besonders kreativ, aber im Vergleich zum Vortag fühle ich mich wie eine Sex Göttin. Dementsprechend wird es ein erfolgreicher Abend, denn: das Karnevalslied, das ich kenne wird gespielt und zum ersten Mal kann ich mitgrölen.

Nur Anfänger nüchtern aus

Katern ist was für schwache - um 15 Uhr sind wir am nächsten Tag wieder zur Stelle, um uns den Zug durch das Viertel anzuschauen. Diesen Satz hätte ich jetzt mit den korrekten kölschen Worten bilden können, aber es ist mir einfach peinlich, wie wenig Ahnung ich von dem Dialekt habe, deswegen bleib ich bei Hochdeutsch. Die Parade ist ein Highlight für mich: hier sind Menschen, die nicht betrunken sind und trotzdem Spaß haben! Kinder halten ihre riesigen Ikea-Sack großen Tüten auf und bekommen sie mit Süßigkeiten gefüllt. Ich wusste nicht, dass bei den Paraden hier Süßigkeiten und Blumen verteilt werden und ich ausnahmsweise mal nichts trinken muss. Ach wie schön wäre es jetzt, Kind zu sein.

Am nächsten Tag, dem Montag - mittlerweile laufe ich seit vier Tagen innerlich tot herum - passiert es. Der Karnevalsfunken springt über. Frisch und motiviert wie immer starten wir an diesem Tag um 14 Uhr in den Karneval und schauen uns die Rosenmontagsparade in der Innenstadt an. Die Wägen hier sind noch toller als die gestern, allerdings habe ich jetzt schon genug Süßigkeiten für ein Jahr herumliegen, sodass ich nicht mehr so motiviert darum kämpfe. Dafür aber Mütter und Väter um mich herum, die immer wieder um meine Füße herumwuseln und die Süßigkeiten einstecken, die heruntergefallen sind und es in keinen Beutel der Kinder geschafft haben. Alle grinsen, einige Eltern wirken wie berauscht. Ja, in Deutschland schmeißt man wirklich mit Süßigkeiten um sich.

In meinem Blut fliest jetzt Kölsch

Zum Mittagessen gibt es - natürlich - einen Döner und ich genieße meinen ersten Schluck Wein des Tages. Ein paar Stunden später finden wir uns in einer Straße wieder, die voll ist mit tanzenden Menschen in seltsamen Kostümen. An Tag fünf wirken die Verkleidungen schon deutlich improvisierter - ich bin an dem Tag übrigens eine Kuh. Irgendjemand hat Boxen mitgebracht und die Musik dröhnt so laut, dass man meinen könnte, in einem Club zu sein. Es ist warm, die Stimmung top und ich lasse mich anstecken. Nach fünf Tagen üben kann ich die Liedtexte mittlerweile. Oder hat sich einfach schon so viel Alkohol im Blut der letzten Tage gesammelt, dass mir jetzt einfach alles egal ist? Ich gröle mit und habe das Gefühl, zum ersten Mal zu verstehen. Verstehen, warum sich halb Köln sechs Tage in Folge betrinkt und unter tausenden von Menschen eklige Döner isst und dieselben fünf Lieder rauf- und runter hört.

Karneval - ich fand dich schön, aber du bist schon ziemlich wild. Und das kommt von einer 20-jährigen. Die Kraft durchzuhalten ist wohl das, was das kölsche Blut so besonders macht.