Der lange Weg zu Marokkos Surferparadis

02.11.2020

In Marokkos Süden kann man surfen. Also nichts wie hin, dachten wir. Doch die Fahrt von Marrakesch an den Surferort gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Auf meinen bisherigen Reisen, vor allem in Asien und Europa, war es meist ein Kinderspiel von A nach B zu kommen. Im Hostel oder einem der unzähligen Reisebüros auf den Touristenmeilen nachfragen, Preise vergleichen und spontan für den nächsten Tag buchen. Dann geht es mit Minibus, Fähre oder Schlafbus an die Wunschdestination. Oft war das Ganze ein wenig dubios und während dieser Transporte tauchten immer wieder einige Fragezeichen in meinem Kopf auf. Ans Ziel kam ich jedoch immer, und das Buchen des Transports war nie ein Problem.

Anders in Marokko. Die meisten Touristen scheinen sich hier ein Auto geliehen zu haben, was vergleichsweise günstig zu haben ist. Bei denjenigen, die ohne Leihauto unterwegs sind, ist es mir schleierhaft wie sie von Ort zu Ort kommen. Mit dem Taxi? Fliegen? Gehen? Auf jeden Fall nicht auf dem Weg, auf dem wir es versuchten. Und dieser Weg ist natürlich der billigste.

Der billigste Weg zum surfen

Wir wollen nicht drei Stunden im Taxi an die Wunschdestination: also ab zum Busbahnhof und durch halb Marrakesch mit unseren prall gefüllten Rucksäcken am Rücken. Die Mittagssonne strahlt gnadenlos auf unsere Köpfe, der Rucksack wird scheinbar mit jedem Schritt schwerer, ich habe bereits eine ganze Flasche Wasser auf dem Weg getrunken. Informationen wann ein Bus in die Richtung fährt, in die wir wollen, haben wir im Internet keine gefunden, also einfach auf Gut Glück zum Busbahnhof. Irgendwann wird schon ein Bus in Richtung Süden fahren.

Den Busbahnhof kann man schon aus einigen Metern Entfernung riechen, und das genau auf die unangenehme Art, die man sich jetzt vorstellt. Es herrscht das typische Chaos in Marrakesch gemixt mit dem typischen Chaos eines Busbahnhofs. Erst ignorieren wir den Mann, der uns anspricht um zu wissen, wo wir hinwollen. Er wäre nicht der Erste, der uns ein Taxi zu unserer nächsten Destination anbieten will. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd stellt sich der Mann als Mitarbeiter des Busbahnhofs heraus und führt uns zu einem der zahlreichen Busse, die hier kreuz und quer stehen. Ein Schild gibt es nicht, aber dieser Bus soll uns nach Agadir bringen, von wo wir weiterfahren wollen. Um zehn Euro ärmer sitzen wir schließlich zwischen Einheimischen und alten Kaugummis im Bus und warten auf die Abfahrt. Wann wir losfahren, oder ob es Zwischenstopps gibt, wissen wir nicht.

Der Bus wird zum Bazar

Auf dem engen Mittelgang des Busses herrscht wildes Treiben. Ständig hält uns ein Verkäufer etwas unter die Nase. Es stehen stets zwischen fünf und zehn von ihnen im Bus und zwängen sich aneinander vorbei um Parfum, Wasser, Kekse, Schuhe oder Tücher zu verkaufen. Es herrscht eine hektische Stimmung, ich sehe niemanden der Passagiere etwas kaufen. Endlich fahren wir los und lassen Marrakesch ruckelnd hinter uns. Auf der Fahrt halten wir immer wieder im nirgendwo, um Fahrgäste in Landschaften aussteigen zu lassen, die aus der Bibel entsprungen sein könnten. Vier Stunden später kommen wir an einem unglaublich stinkenden Busbahnhof in Agadir an.  

Der verschollene Bus Nummer 33

Wir wollen endlich wieder atmen und so schnell wie möglich unseren Weitertransport nach Taghazout organisieren, dem kleinen Surferort, in dem wir uns in die Wellen schmeißen wollen. Als einzige Touristen weit und breit stehen zwischen hektischen Marokkanern vor einem Busfahrplan und schauen verwirrt. Ein Mann spricht uns an, zeigt auf einen Bus und kurz entschlossen steigen wir ein. Ich will einfach nur weg von diesem Busbahnhof, egal wohin. Der Bus soll uns ins Stadtzentrum führen, wo wir in einen anderen Linienbus nach Taghazout steigen sollen. Die Fahrt dauert zehn Minuten und kostet 30 Cent. Immer noch prallt die Mittagssonne erbarmungslos hinunter, als wir mitten in Agadir aussteigen und uns auf die Suche nach der nächsten Busstation machen. Keine Ahnung wo die sein soll. Der Rucksack ist schwer, mir ist heiß und ich habe kein Wasser mehr zu trinken. Wir finden zwar Busstationen, aber an keiner davon ist der Bus Nummer 33 angeschrieben, der uns ins Surfparadies bringen soll.

Ich packe meine besten französisch-Verkehrsvokabeln aus und frage einen Mann an der einzigen Bushaltestelle, an der keine Schilder stehen, ob hier der Bus Nummer 33 fahren soll. Ja, soll er. Vor Erleichterung lasse ich mich theatralisch auf den Boden sacken und bereite mich darauf vor lange, lange zu warten. Nach 15 Minuten, es ist vier Uhr Nachmittags und wir haben heute nur ein kleines Frühstück gegessen - die Stimmung ist dementsprechend, kommt endlich ein Bus um die Ecke. Es ist der Bus Nummer 32, nicht der mit der Nummer 33, den wir brauchen. Aber auf der Anzeige steht "GO SURFING" und das wollen wir ja schließlich. Ich schleppe mich zum Fahrer und frage, ob er auch in Taghazout stoppt. Und - siehe da - 70 Cent später sitzen wir im Bus am Weg nach Taghazout.

20 Minuten noch, dann haben wir es endlich geschafft. Wir waren zwar den ganzen Tag unterwegs, aber der Transport hat und nur elf Euro gekostet. Auch in den nächsten Wochen werden wir in Marokko fast ausschließlich mit dem Bus fahren. Im Internet findet man dazu wenig, kommt man aber beim Busbahnhof an, lässt sich recht schnell herausfinden, welcher Bus wann in die richtige Richtung fährt. Warten müssen wir nie lange.

Planscherei in Taghazout

Es tut gut, zwei Tage an so einem entspannten und ruhigen Ort wie Taghazout zu sein. Leider ist es aber auch um die Wellen sehr ruhig. Eigentlich kann man es nicht surfen nennen, was wir mit unseren ausgeliehenen Brettern im Meer veranstalten. Aber es macht trotzdem Spaß und nach der Planscherei hat man sich das Hipster-Surf Food, was es selbst hier gibt, verdient. Nach zwei Nächten beschließen wir nachzugeben, und die offensichtlich "normale" Art des Transports in Marokko zu nutzen, um wieder zurück nach Marrakesch zu kommen. Wir zahlen jeweils 40 Euro und fahren mit dem Taxi drei Stunden lang in unglaublichen Tempo nach Marrakesch zurück. Auch dieses Mal finden wir niemanden, der dieselbe Strecke zurücklegen muss und sich das Taxi mit uns teilen will. Und noch immer bleibt die Frage offen, wie Reisende in Marokko von A nach B kommen. Oder bleiben sie einfach für immer da?