Die lebhafteste Stadt der Welt

21.10.2019

Das Land der Farben, Düfte und Gewürze. So habe ich mir Marokko immer vorgestellt. Bereits als Kind erzählt mir mein Papa Geschichten über die Färbereien und Gewürzmärkte von diesem fernen afrikanischen Land. Ein Land, dass so lebendig ist - da muss ich hin. Rund zehn Jahre später ist es soweit. Ich sitze in einem Flieger nach Marrakesch. Ab morgen früh bin ich nicht alleine, das ist nämlich der Grund, weshalb ich bis jetzt noch nicht hier war. Mich alleine nach Marokko zu schicken war dann doch ein anderer Schritt für meine Mama, als mich alleine nach Südostasien reisen zu lassen. Also habe ich meinen Bodyguard mit. Meinen Freund Henri der zwar männlich ist, aber durch sein deutsches Aussehen sicher nicht weniger auffällt als ich als Frau.


Als ich den Flughafen von Marrakesch an diesem Samstagnachmittag verlasse bin ich überrascht. Kein Taxifahrer schiebt mir ein Schild ins Gesicht, ich werde nicht
mit "Taxi, Miss?" bombardiert und die Atmosphäre ist so gelassen wie selten,
wenn man außerhalb Europas aus einem Flughafen spaziert. Ich mache mich also auf, den Bus nach Marrakesch zu finden. Die Beschilderung ist sehr verwirrend und
scheinbar bin ich die Einzige, die sich nicht schon bereits einen
Privattransfer oder ein Mietauto organisiert hat, denn ich bin auf meiner Suche
nach dem billigsten Weg in die Innenstadt zu kommen alleine.

Mit der Hilfe von ein paar Taxifahrern finde ich schließlich die Bushaltestelle, dass besser als verlorenes Verkehrsschild zu bezeichnen ist. Von einem Plan, wann der nächste Bus mit welcher Nummer kommt oder einer Bank ist hier nichts zu sehen. Na gut, dann warte ich halt jetzt einfach hier. Und siehe da - nach 10 Minuten fährt
tatsächlich ein Bus heran, der mich Mitten ins Chaos namens Marrakesch führt.

Am nächsten Morgen erwache ich in einem Marrakesch, das anders ist, als gedacht. Die Altstadt, in Marokko Medina genannt, ist viel rückständiger als ich es von einer so berühmten Touristenstadt wie Marrakesch erwartet hatte. Alles hier sieht so aus, als wäre es auch schon vor 100 Jahren so gewesen. Die engen staubigen Straßen, die Passanten und ihre Kleidung und die Esel, die sich von Zeit zu Zeit gemächlich ihren Weg durch den Menschenfluss bahnen.


"Marrakesch is the most vibrant city on the planet" flüstert
mir ein Straßenverkäufer verschwörerisch zu und ich lache ich den Kommentar des
fremden alten Mannes ein wenig verächtlich weg. Das hier soll die lebhafteste,
pulsierendste, dynamischte Stadt der Welt sein? Was ist mit New York, Rio,
Delhi? Meine Gedanken werden durch einen Wagen voller Hühner in winzigen
Käfigen, der knapp an mir vorbeifährt unterbrochen. Ein Albtraum für jeden, der
das Wort Tierschutz zumindest mal gehört hat. Links neben mir werden Datteln
mit Nüssen angeboten. Weil ich weitergeschuppst werde, bleibe ich nicht stehen.
Hinter mir bricht bereits eine hitzige Diskussion auf Arabisch los, zwei Männer
stoßen sich halb spaßhalber halb ernst aneinander. Mir steigt der süßliche
Geruch von Urin in die Nase, oder sind es nur am Boden zermatschte Früchte? Als
ich mich durch die überfüllten Straßen weiter zum Markt treiben und stoßen
lasse kann ich nicht aufhören, über die Einschätzung Marrakesch´ dieses Mannes
nachzudenken. Vielleicht ist das hier ja doch - the most vibrant city in the
world?

Egal wohin ich sehe, ich stoße auf Geschäfte mit allem, was
das Touristenherz begehrt. Typisch marokkanische Lampen, die zugegebenermasen wirklich wunderschön aussehen, Schuhe, Taschen, Magnete, Gewürze, Schmuck. Nachdem ich unzählige austauschbare Straßen dieses Marktes gesehen habe, kommt mir die ganze Stadt wie ein Shoppingcenter vor. Es ist voll, eng und kaufen will ich sowieso nichts, mein Rucksack ist jetzt schon restlos überfüllt.


Und trotzdem finde ich Marrakesch toll. Die lebhafte Stimmung ist zwar zeitweiße erdrückend aber die ruhigen Gässchen, in die man leicht stolpert aber nicht ganz so leicht wieder rausfindet, wirken wie eine Ruheoase. Marrakesch lebt! Und ich lebe mit.