Habe ich zu mir selbst gefunden, wenn meine Handflächen bei gestreckten Knien den Boden berühren können?

02.12.2020

Oder: Meine erste Yoga-Stunde

Bali. Wo, wenn nicht hier, soll ich mittels Yoga meine innere Ruhe finden? Die Insel gilt als Yoga- und Aussteiger-Paradies und lockt von Influencer bis zur alternativen Omi zahlreiche Yogis an. Spätestens seitdem Julia Roberts in der Verfilmung des Romans "Eat Pray Love" durch Balis Reisterrassen radelt und auf dem Weg zur großen Liebe findet, ist Bali DAS Urlaubsparadies schlechthin.

Wenn Abenteurer aber meinen, Bali wäre zu touristisch, haben sie allen Grund dazu. Ja, Indonesiens bekannteste Urlaubsdestination ist wie Disneyland für Rucksacktouristen. Avocado-Toast, Smoothie Bowls und ein paar Tempel machen sich nun mal gut auf dem Instagram Profil. Begibt man sich aber auf die Suche, kann man selbst auf Bali Flecken entdecken, die nicht so touristisch sind. Vor allem im Norden der Insel hat man die Chance, solche Abenteuer zu finden, auf keinen Fall aber in Ubud.

Yoga-Hauptstadt Ubud

Ubud - die kulturelle Hauptstadt in der Mitte der Insel. Eigentlich müsste man mindestens zwei Wochen hier verbringen, um sich durch all die leckeren Lokale zu futtern. Eine der schwersten Entscheidungen eines Tages in Ubud besteht darin, sich festzulegen in welchem der unzähligen Instagram-tauglichen Restaurants man essen will. Ja, das Leben in Ubud ist wirklich hart. Aber wer zwischen den Mahlzeiten nicht mindestens einmal Yoga probiert, gilt man in Ubud als Alien. Yoga wird hier quasi als Religion gelebt, zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man verschiedenen Arten ausprobieren.

Das passende Outfit für die Reise ins Innere

Als kulturinteressierter Rucksacktourist der keine Reise ausschlägt, auch nicht die Reise zu sich selbst, muss ich eine Yogastunde belegen. Das nächste Yoga Studio ist schnell gefunden - "Yoga Barn" ist angeblich weltbekannt unter Yogis, quasi der Olymp der Yoga Studios. Dürfte also ein guter, entspannter Ort für Anfänger sein. Nichts wie hin - aber mit welchem Outfit? Zieht man sich zu einer Yogastunde so an wie ins Fitnessstudio oder sollte ich aus spirituellen Gründen wenig Haut zeigen? Wie passe ich mich am besten an? Schließlich soll man mir nicht sofort ansehen, wie wenig Ahnung ich von der ganzen Sache habe. Ein Blick in meinen Rucksack reicht für die Erkenntnis, dass die Auswahl limitiert ist. Eine von mir kreativ genannte "Thailand-Hose" (Wo die wohl erstanden wurde?) ist das einzig Geeignete, was ich aus dem vollgepackten Rucksack herausziehe. Die weite Hose ist bunt bedruckt und würde in Europa wohl höchstens als Pyjama durchgehen. Aber sie kommt mir wie eine bequeme Hose vor, um zu mir selbst zu finden. Ein weites T-Shirt wirkt wie die passende Ergänzung zum Outfit, also streife ich es über.

Auf den engen Bürgersteigen von Ubud, am Weg zum Yoga Studio, überkommt mich eine plötzliche Welle von Vorfreude. Wie viele Yogastunden es wohl brauchen würde, bis ich als Aussteiger nach Indien ziehe und dort meine neu gefundene Passion praktiziere? Vielleicht ist Yoga ja genau das, was mein Leben unglaublich erfüllen würde. Sollte ich eine Instagram Seite zu dem Thema aufbauen? Unzählige Optionen schwirren in meinem Kopf herum, bis ich "Yoga Barn" erreiche.

Im Yoga-Mekka Yoga Barn

Das Studio in einer Seitenstraße des geschäftigen Städtchens Ubud will ich hier als Oase bezeichnen, ohne zu sehr in Yoga-Vokabular abdriften zu wollen. Alles wirkt entspannt, die Atmosphäre ist ruhig. Das Grün, von dem man hier umgeben wird, hinterlässt das Gefühl, sich mitten im Dschungel zu befinden. Der Komplex ist riesengroß und umfasst ein Restaurant - in dem natürlich veganes Essen angeboten wird, ein Café - voller heilender Smoothies, ein Spa und ein großes Baumhaus. Im ersten Stock dieses Baumhauses befindet sich das Studio, ein offener, überdachter Raum, in dem Yoga praktiziert wird. Im Stock darunter sammeln sich bereits Kursteilnehmer, um sich für die Stunde anzumelden.

Verglichen mit den anderen Kursteilnehmern ist mein Outfit völlig übertrieben. Alle Anwesenden haben einfache Leggins und Sport-BH oder Tank top an. Jede einzelne Person im Raum sieht aus, als würde sie genau hier hingehören. Die Stimmung, die unter den Teilnehmern herrscht, wirkt entspannt, quasi wie eine Wolke der Erleuchtung die über ihren Köpfen schwebt. Eine Vielzahl der Teilnehmer sieht genauso aus, wie man Yoga - Begeisterte im Internet präsentiert bekommt. Weiblich, gebräunt, dünn und wie aus dem Fitnesskatalog entsprungen. Andere entsprechen eher dem Erscheinungsbild eines Yogis, wie es sich manche Eltern vorstellen mögen. Bärtige Männer im gehobenen Alter, den muskelbepackten Körper mit spirituellen Tattoos verziert. Nur wenige der Teilnehmer, die ich vor dem Studio sehe, lassen sich nicht in eine dieser beiden Gruppen einordnen.

Bevor die Yogis den ersten Stock und das Studio betreten können, müssen alle ihre Schuhe ausziehen. Barfuß im Studio angekommen, tue ich es den anderen nach, schnappe mir eine Yogamatte und zwei seltsame kleine Blöcke, über deren funktion ich mir noch nicht im Klaren bin. Fast alle Plätze sind schon besetzt, aber der freie Platz rechts hinten in der Ecke ist ohnedies der, der mir in dieser Situation wohl zusteht.

Im herabschauenden Hund

Pünktlich zu Beginn der Stunde stellt sich Wayan vor. Er ist aus Jakarta, Indonesiens Hauptstadt und nach Bali gezogen, um Yoga zu lernen und zu lehren. Wayans Englisch ist schwer zu verstehen - vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich in die hinterste Ecke des Raumes verkrochen habe, um nicht als Anfänger enttarnt zu werden. Wayan, dessen Alter zwischen 30 und 50 liegen könnte, spricht sehr ruhig und ich merke - das mit dem Entspannen funktioniert ja schneller als gedacht!

Fünfzehn Minuten später weise ich diesen Gedanken weit von mir. Ständig muss ich mein gesamtes Gewicht auf meine Hände verlagern. Plank, herabschauender Hund, eine andere Position deren Namen ich nicht verstehe, Plank, herabschauender Hund. Ewig geht es so weiter. "Und aufatmen nicht vergessen. Es geht nur um Atmen." beschwichtigt Wayan. Wenn ich mich auf etwas während dieser Yoga Stunde wirklich nur nebensächlich konzentriere, dann ist das Atmen. Angestrengt versuche ich, den Anweisungen zu folgen, ohne genau zu wissen, was denn ein herabschauender Hund sein soll. Glücklicherweise sind alle anderen Kursteilnehmer so mit sich selbst beschäftigt, dass gar nicht auffällt, dass ich mir die Positionen bei ihnen abschaue.

Doch nach einiger Zeit fließen meine Bewegungen. Nochmal irgendeinen Hund machen? Hach, aber gerne doch. Die Dehnübungen tun meinen Muskeln gut, das merke ich jetzt. Die Menschen um mich herum, die teilweise waghalsige Dehnungen vornehmen, versuche ich angestrengt nicht zu bemerken, und mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Huch - schon wieder irgendein Hund, den mein Körper mimen soll. Yoga ist echt anstrengend - keine Ahnung, warum ich an diesen Aspekt nicht im Vorhinein gedacht habe. Mein T-Shirt ist mittlerweile voll geschwitzt, und die hohe Luftfeuchtigkeit tut ihr Übriges. Ganz nett das Ganze hier, aber habe ich die Stunde nicht langsam geschafft?

Aufgeben ist keine Option

Aus Angst unhöflich zu sein und Steine in den Weg der Selbstfindung der anderen Kursteilnehmer zu legen, traue ich mich nicht, mein Handy aus meiner Tasche zu kramen um herauszufinden, wie spät es ist. Noch ein Hund? Nicht mit mir - ich ergreife die Möglichkeit und sehe, dass es schon 11:07 ist. Ein grausamer Gedanke: was, wenn diese Yoga-Stunde gar keine Stunde, sondern eineinhalb sind? Dann dauert diese Selbstfindung scheinbar länger als erhofft. Ich schließe meine Augen und mache die Übungen diesmal bewusster mit. Denke an die Atmung und strecke meine Muskeln so weit ich kann. Mittlerweile habe ich die Namen der Übungen drauf, die Bewegungsabläufe durchschaut und kann mich besser konzentrieren.

Wayan bittet uns nach ein paar weiteren Minuten, uns in eine entspannende Position zu setzten und die Augen zu schließen. Dann sagt er ganz lange nichts mehr. Ich höre das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel, die Musik, die die Natur um mich macht. Jetzt soll ich wohl meditieren - aber was in meinem Kopf geschieht, ist so viel spannender. Ich mache mir bewusst, wo ich gerade bin und versuche, im hier und jetzt zu sein. Dann denke ich darüber nach, wo ich nach dieser Stunde Mittagessen könnte und ob ich heute noch Zeit habe, meine Wäsche zu waschen. Wayan sagt etwas Unverständliches und die ganze Gruppe stimmt in ein lautes "OOOOmhh" ein. Klischee bestätigt. Im Chor murmeln alle Kursteilnehmer noch ein weiteres Mantra, ich habe keine Ahnung was es bedeutet.

Wann bin ich endlich erleuchtet?

Dann ist der Zauber vorbei. Gemächlich stehen einige Kursteilnehmer auf, um ihre Matte und die Blöcke zurück in den Kasten zu legen, aus dem sie die Utensilien entnommen haben. Die Funktion der Blöcke bleibt weiterhin ungeklärt. Auch inwiefern ich jetzt durch diese Dehnübungen zu mir selbst gefunden habe, ist mir unklar. Mein Körper aber fühlt sich durch die Muskelübungen leichter an, wie auf Federn schlendere ich aus dem Studio.

Eigentlich ganz nett diese Yoga-Sache. Ich fühle mich frisch und entspannt. Sogar die Übung, bei der man mit gestreckten Knien den Boden mit den Handflächen berühren soll, habe ich geschafft. Bis zu meiner Erleuchtung kann es also nicht mehr lange dauern.