Keine Nachricht aus Südafrika

06.12.2020

Während meiner Reise um den halben Globus berichtete ich immer wieder auf diesem Reiseblog vom erlebten. Ich postete mit schlechtem WLAN aus Nepal, aus dem Dschungel in Malaysia und spät in der Nacht beim Freiwilligenarbeiten in Bali, wenn alle anderen schon im Bett liegen. Nur aus Südafrika kam keine Nachricht, kein Post. Nichts. Man könnte meinen, ich hätte nach sechs Monaten posten schlicht und einfach keine Lust mehr. Oder zu viel zu tun. Oder einfach nichts mehr, über das ich schreiben wollte (als ob das jemals passieren könnte)

Frei bewegen ging nicht

Nein. Der wahre Grund hat leider viel zu wenig mit mir zu tun, als mit dem Fakt, dass es einfach zu gefährlich war. In dem Haus, in dem ich mit etwa 15 anderen Freiwilligenarbeitern aus aller Welt zusammenlebte, gab es kein WLAN. Kann man also den Laptop nicht einfach zum nächsten Internet Café mitnehmen? Nein. No way. Auf keinen Fall. No. Niemals. Nope. Selbst mit meinem Handy, oder mehr als umgerechnet etwa zehn Euro in der Tasche war es ein Risiko, auf die Straße zu gehen. Und das selbst tagsüber.

Ich hatte Angst meinen Laptop aus seinem Versteck unter meinem Bett zu nehmen und die fünf Minuten zum nächsten Café mit ihm in meiner Tasche zurückzulegen. Könnte man anhand der Umrisse, die sich an meiner Tasche abzeichnen würden, erkennen, dass es sich um solch eine wertvolle Beute handelte, würde ich ihn nie wieder sehen. Selbst Handys in der Hosentasche zu tragen war quasi so, als würde man mit einer riesigen Leuchtreklame herumlaufen auf der in großen Buchstaben "Raubt mich aus!!!" steht.

Gewalt steht an der Tagesordnung

Entscheidet sich jemand, die Gelegenheit zu ergreifen und das weiße Mädchen, das sich alleine oder in Begleitung ebenso weißer Mädchen auf der Straße herumtreibt, auszurauben, gibt es kein Entkommen. In Südafrika ist es unüblich ausgeraubt zu werden, ohne dass ein Messer oder eine Pistole im Spiel sind. Die Diebe schrecken nicht davor zurück, ihre Hilfsmittel auch zu benutzen. Man muss wissen, dass Gewalt und Mord in den Townships, aus denen diese Diebe meist kommen, an der Tagesordnung stehen. Wahrscheinlich sehen sie fast täglich Gewaltakte und musste höchstwahrscheinlich auch schon Zeuge von Morden werden. Sie schrecken bei einem einfachen Raub oft nicht vor dem Töten zurück.

Manche ihrer Nachbarn stehlen, einige Schulkollegen stehlen, vielleicht auch ihr Onkel oder Vater. Warum also sollten sie es nicht auch in Erwägung ziehen. Es scheint doch in ihrem Umfeld so normal zu sein? Generell ist es in Südafrika sehr schwer die eindeutigen Unterschiede der Bevölkerungsschichten zu ignorieren. Die Schere zwischen Arm und Reich geht so weit auseinander, dass es schwer ist zu glauben, dass Menschen, die in gänzlich verschiedenen Welten leben, nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen. Auch für mich war es komisch, an einem Sonntag eine Weintour zu machen, eleganten Weinproben in den verschiedensten, wunderschönen Weingütern zu bekommen und am nächsten Tag in der Schule die Kinder wiederzusehen, die in den Klassenräumen teilweise auf dem Boden sitzen müssen, weil es sich die Schule nicht leisten kann, mehr Stühle zu kaufen.

Besonders an meinem ersten Donnerstag in südafrika wurde mir das vor Augen geführt. Donnerstag ist Thursday market Tag. Jeden Donnerstag kurz vor dem Sonnenuntergang stürmen fast alle Freiwilligenarbeiter meiner Organisation begeistert in ihre Taxis, Ubers oder jedes Gefährt, das fahren kann und fahren auf ein Weingut, das an ebendiesem Wochentag einen Markt ausrichtet. Das Weingut ist wunderschön, man kann sich auf Picknickdecken oder im Gras verteilte Tische setzen und Wein und Essen verspeisen, das man sich bei einem der Marktstände gekauft hat. Von Sushi über Griechisch und Türkisch gibt es natürlich auch afrikanisches Essen und generell alles was das Herz begehrt.

Zurück in der ersten Welt

Als ich an meinem ersten Donnerstag meinen Fuß in den Markt setzte, war ich schockiert. Alle Menschen waren Weiß, fein angezogen und gingen mit einem Glas Wein zwischen den Tischen umher. Es war mein erstes Zusammentreffen mit der ersten Welt nach meiner Zeit in Asien. Nach fünf Monaten kam ich das erste Mal wieder in Kontakt mit einer Welt, die mit meiner eigenen, bisherigen vergleichbar war. Und ich wusste nicht, wie ich damit umzugehen hatte. Ich kaufte mir mein erstes Gläschen Wein seit Monaten, fühlte mich dekadent und wusste nicht recht, wohin mit mir. Auf der einen Seite war an diesem Abend nichts außergewöhnlicher als an Abenden, die ich zu Hause bereits erlebt hatte. Aber das machte das Ganze schlimmer. Ich wusste, wie ich mich zu verhalten hatte. Es war ein bisschen so, als würde man einen Song hören, denn man schon ewig nicht mehr gehört hatte und plötzlich fielen einem all die Liedtexte während dem Singen wieder ein.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich zu verhalten hatte, und wusste es doch. Es fühlte sich an, als wäre ich in eine Werbung des perfekten Lebens gestolpert und als Schauspielerin engagiert. In den letzten Monaten hatte ich gelernt, wie ich mit Toiletten umgehen sollte, die nur ein Loch im Boden sind, konnte ekelige Betten zu ignorieren und aus meinem Rucksack einfach irgendein T-Shirt herauszufischen und anzuziehen, Hauptsache es war sauber. Aber jetzt war ich überfordert mit der Situation, wieder in der ersten Welt anzukommen.


Es definitiv eine gute Idee zwischen Asien und meiner Rückkehr nach Europa ein Monat in Südafrika zu verbringen. Südafrika war für mich quasi eine Verschmelzung beider Welten, durch die ich mich besser darauf einstellen konnte, wie es wäre wieder in die erste Welt zurückzukommen. In Afrika angekommen begeisterte mich jede Toilette, die man hier guten Gewissens als solche bezeichnen konnte, war begeistert von meiner Decke, die doch tatsächlich ein Innenleben hatte, und ganz aus dem Häuschen, gab es auf besagten Toiletten auch noch Klopapier. Mein erster Kulturschock ging in die andere Richtung, als ich es erwartet hatte.