Meine holprige Reise zur Frankreich-Liebe

06.12.2020

Ich habe gerade die Grenze nach Frankreich überquert und bin am Weg in die Stadt, in der ich jetzt in zwei Monaten das dritte Mal bin: Paris. Ich muss zugeben, diesmal hatte ich noch nicht so einen Drang von zu Hause wegzukommen. Nur fünf tage war ich diesmal in Wien, bevor ich für ein weiteres Monat voller neuer Erfahrungen aufbreche. Aber spätestens beim Überqueren der Grenze von Deutschland nach Frankreich spüre ich die Vorfreude. Jetzt kommt der erste Stopp meines Gap-Years, dass ich damit verbringen will, die halbe Welt zu bereisen. Wenn ich also aus dem Fenster schaue und die französische Sprache überall sehe und im Hintergrund französische Sprachfetzen von Zuggästen aufschnappen kann, kann ich es kaum erwarten ,den Herbst in der Provence zu verbringen.

Frankreich-Phase

Doch ich muss zugeben, dass es ganz schön gedauert hat, bis ich meine Liebe zu Frankreich gefunden habe. Im Zuge der sechs Jahre, in denen ich in der Schule Französisch gelernt habe, habe ich jeden meiner Klassenkameraden durch seine Frankreich-Phase gehen sehen. Sei es die anfängliche Motivation Vokabeln zu verstehen die einen schon als Kind fasziniert hatten oder die spät entdeckte Begeisterung vom Land, als man einen sprachlichen Durchbruch erreicht hatte. Spätestens auf unserer Sprachreise nach St. Malo und Paris hatten 90 Prozent der Mitschüler früher oder später ihre Phase des Frankreich Fetisches durchlebt und (teilweise) hinter sich gelassen. Anders bei mir. 

Meine Frankreich-Phase ließ ziemlich lange auf sich warten. Anders als meine Mitschüler hatte ich mich seit Jahren über die Franzosen amüsiert und all ihre Eigenheiten eher skurril als liebenswert und "typisch französisch" gefunden. Auf meinen sprachlichen Durchbruch musste ich lange warten. Schon in meinem ersten Lehrjahr schaffte ich es mit 3en und 4en benotet zu werden. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich jahrelang dagegen gewährt hatte, zu lernen welcher Artikel zu welchem Wort passte und immer einfach geraten hatte, ob la oder le nun passend wäre. Was soll ich sagen - als 13-Jährige halfen auch Edith Piafs Schlager nicht, um mich von Frankreich zu begeistern.

Es erwischt auch mich

Meiner Theorie entsprechend müsste jeder durch seine Frankreich-Phase gehen, so erwachte das Fieber schließlich auch nicht. Und zwar am zeitlich schlecht möglichsten Zeitpunkt. Wir hatten in der Schule gerade unsere allerletzte Französisch-Stunde hinter uns gebracht als ich mit Freunden aus Wien einige französische Freunde besuchte, die wir auf einem Schüleraustausch kennengelernt hatten. Ich hatte mich spontan entschieden bei diesem Trip mitzufahren und mir ehrlich gesagt nicht viel erwartet. Aber es wurde eine der lustigsten, entspannendsten und schönsten Wochen und mein Frankreich Fieber war entflammt. Ich machte nach sechs Jahren Schulfranzösisch nämlich tatsächlich die Erfahrung, dass ich Gesprächsfetzen verstehen konnte! Es waren also nicht alle Stunden verschwendet, die ich damit verbracht hatte, die Aufnahmen des Futur Proche auswendig zu lernen, nur um sie eine halbe Stunde nach der Wiederholung wieder zu vergessen.

Das Frankreich-Fieber ist voll ausgebrochen. Der Beweis dafür? In die erste Maturavorbeitungsstunde für jene Personen, die ihre Liebe früher als ich entdeckt hatten und tatsächlich in Französisch maturierten schummelte ich mich dazu. Und das freiwillig um acht Uhr morgens. Ich begann, französische Lieder runterzuladen, französische Filme anzusehen (ohne auch nur ansatzweise so viel zu verstehen, wie ich gerne geglaubt hätte), kaufte französische Bücher und suchte nach französischen YouTubern.

Ja und jetzt, ein halbes Jahr später sitze ich im Zug nach Paris, der zu spät kommt, wodurch ich meinen Anschlusszug verpasse und die Nacht auf einem supersympathischen französischen Bahnhof verbringen darf. Vive la France