Portugiesische Nasen

02.11.2020

Nasen unter Masken. Ich sehe kaum portugiesische Nasen. Die Tragweise des Mund-Nase-Schutz wird hier in der breiten Bevölkerung wohl besser verstanden als in so manch anderem westeuropäischen Land. Trotzdem gilt Portugal in Österreich als Risikogebiet.

Von Reisen nach Portugal wird Österreichern in diesem Jahr dringend abgeraten. Dabei ist das Land in der Pandemie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern glimpflich davongekommen. Urlaub in Italien, Spanien oder Frankreich schien in der Öffentlichkeit, zum Zeitpunkt meiner Reise nach Portugal in der zweiten Juli-Hälfte, als harmloser angesehen zu werden als ein paar Tage in Portugal.

Vor meiner Abreise sorgten sich österreichische Freunde und Familienmitglieder. Ich fühlte mich, als würde ich zu einer höchstriskanten Reise in ein Kriegsgebiet aufbrechen. Aber wie Emanuel Macron bereits vor einigen Wochen in einer Rede sagte, befinden wir uns ja scheinbar im "Krieg gegen das Virus". Persönlich bin ich kein Fan von Kriegsrhetorik, will hier aber nicht den Anschein erwecken, ich würde die Gefahren, die von dem Virus ausgehen nicht ernst nehmen.

Ich lebe aber nicht in Österreich, sondern in Deutschland, was keine Reisewarnung für Portugal ausgesprochen hat. Sorgen bereiten in Berlin vor allem Saufgruppen, die am Ballermann wie üblich eng gedrängt feiern. Da sind zwei Individualtouristen mit Rucksack in Portugal weniger gefährlich. Außerdem höre ich von meinem Balkon in der Nähe des Mauerparks abends oft den Beat aus Lautsprechern, die bei illegalen Raves im Park Stimmung machen. Und während man sich von Österreich aus um mich auf der iberischen Halbinsel sorgt, gehen in meiner Wahlheimat Berlin tausende unmaskiert auf die Straße und protestieren "gegen Corona".

Grund zur Panik(mache) dürfte eventuell der Lockdown "in" Lissabon gewesen sein. Erstens ist bei dem Wort Lockdown Vorsicht geboten, dass in jeder Region etwas anderes bedeutet und zweitens gab es keinen Lockdown in Lissabon. Zumindest nicht mehr im Juli, als ich die Stadt besuchte. Es waren Vororte wie Sintra, in denen die Menschen dazu aufgefordert wurden, das Haus nur in dringenden Fällen zu verlassen. In Lissabon selbst konnte man sich weitestgehend frei bewegen. Zumindest in den Medien, die ich auf Deutsch oder Englisch konsumiere und zur Recherche um die Situation genutzt habe, wird das aber nicht so klar dargestellt. Dort heißt es oft, es gäbe einen "Lockdown im Großraum Lissabon". Das touristische Gebiete davon ausgeschlossen sind, lesen die meisten nicht mehr und leiten die Nachricht panisch und ohne weitere Analyse der Situation oder des Artikels weiter.

Ich darf Entwarnung geben. Ich war in Lissabon und bin Corona-frei wieder herausgekommen. Ja, ich habe mich sogar richtig wohlgefühlt und freue mich, dem Gebiet zumindest dahingehend geholfen zu haben, dass ich mir selbst ein Bild von der Situation gemacht (und ein bisschen Geld dort gelassen) habe. In Portugal insgesamt habe ich mich sicher gefühlt. Die Menschen achten meiner Erfahrung nach penibel, in einigen Fällen sogar fast panisch darauf, die Corona-Regeln einzuhalten. Das mir in Berlin jemand panisch einen Desinfektionsspender noch zehn Meter vor den Eingangstoren eines Geschäftes hingehalten hat, ist mir noch nicht passiert. Dass in einer Bahn, in der etwa fünfzig Menschen sitzen jeder den Mund-Nase-Schutz trägt, und das auch noch richtig, habe ich so in Berlin noch nie gesehen. Generell habe ich den Eindruck, dass Desinfektionsmittel in Deutschland längst nur noch am Schwarzmarkt zu bekommen ist und es Kunden von Geschäften oder Restaurants nicht im Übermaß angeboten wird.

Jeder Tisch, manchmal selbst die Klomuschel, die man berührt, wurde während meiner Reise in Portugal nach dem Benutzen desinfiziert. Dabei müssten meine eigenen Hände mittlerweile eine eigene Schicht aus Desinfektionsmittel haben. Einmal von Süden nach Norden in Portugal. Von Faro nach Porto. Nach dem, was ich gesehen habe bitte ich darum, Orte nicht ohne weitgehende Informationen zu verurteilen.