Wo ist meine Kokosnuss? Der Norden der Philippinen

02.11.2020

Es ist kalt, ich liege unter drei Decken, trage einen Pulli zum Schlafen und friere. Wo ist der weiße Sandstrand, die Palmen und Tragflügelboote und warum trinke ich nicht aus einer Kokosnuss? Schließlich bin ich auf den Philippinen. Aber eben nicht da, wo man mich vermutet. Weihnachten verbringe ich dieses Jahr im Norden des Landes, auf Luzon, der Insel auf der auch die Hauptstadt Manila liegt.

Die Anreise dauert drei Tage. Nach 24 Stunden Flug und Layover in der Hauptstadt angekommen, geht es mit einer zehn stündigen Autofahrt weiter in den Norden. Ist es das wirklich wert? Wir kommen rasch voran, die Straßen sind bemerkenswert gut, definitiv mit fast europäischen Standards vergleichbar. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich keinen Müll. Überraschend, ich bin die Plastikflaschen an der Straßenseite aus anderen südostasiatischen Ländern gewohnt. Aber tatsächlich sind die asphaltierten Straßen hier frei von Abfall.

Einmal Reis mit Alles

Erster Stopp zum Mittagessen. Die kleine überdachte Küche neben einer Tankstelle lädt mit ihren Plastikstühlen nicht gerade zum Verweilen ein. Die Gerichte, die es in Kombination mit Reis aus den Kochtöpfen auszuwählen gibt, sind kalt. Trotzdem wird es eines der besten Speisen der nächsten Tage bleiben. Das Essen schmeckt mir auf den Philippinen nämlich überhaupt nicht. Bei jedem Bissen Fleisch spüre ich, wie sich mein Magen meldet, und ich beschließe, mich in den nächsten Tagen vegetarisch zu ernähren.

Wir ziehen an winkenden Kindern und verstauten Städten vorbei und erreichen schließlich Banaue, unser Ziel. Ein Stadtzentrum, das einen Besuch wert wäre, gibt es nicht, dafür aber eine Menge Reis. Wir erkunden die Reisfelder der umliegenden Orte und sind begeistert. Die Reisterrassen von Batat zählten sogar mal zu den Weltwundern, und sind jetzt UNESCO Weltkulturerbe. Gemeinsam mit unserem Guide wandern wir durch die Terrassen und schießen Fotos aus jeder nur erdenklichen Perspektive.

Nachhaltigkeit ist auch hier angekommen

Wir kommen an einer Frau vorbei, die aus recycelten Material Geldbörsen und Taschen fertigt. Im perfekten Englisch erklärt sie, warum es wichtig ist, wiederzuverwerten. Auch hier ist kaum Schmutz auf den Wegen, die Philippinen sind damit das zweitsauberste südostasiatische Land, in dem ich jemals war. Platz eins belegt natürlich Singapur. Die Dame grinst uns an und reiht sich damit in das Bild ein, das von Einheimischen bis jetzt vermittelt wurde. Nett, harmlos und scheinbar immer gut drauf. Man kann Konversationen auf Augenhöhe führen in einem Englisch, das beispiellos gut ist. In den Philippinen gibt es nämlich so viele Landessprachen, dass viele Einheimische von verschieden Inseln sich untereinander oft nur auf Englisch verständigen können. Auch Straßenschilder sind auf Englisch und so fällt die sonst oft anstrengende Sprachbarriere weg.

Wir bestaunen noch zwei weitere kleine Reisterrassendörfer und klettern zu einem überwältigenden Wasserfall, bevor wir weiterziehen. Ja, die zehn Stunden Autofahrt nach Banaue hat sich gelohnt.

Gehen, wie man gekommen ist

Nach drei Stunden kommen wir am nächsten Tag in Sagada an. Ein Bergdorf auf über 2000 Metern Höhe, da bleiben die Flipflops wohl weiterhin weit unten im Rucksack verstaut. Sagada liegt in der "Mountain Provinz" von Luzon und ist vor allem für Filipinos ein beliebtes Urlaubsziel, um der Hitze zu entfliehen. Bekannt ist die Stadt für ihre hängenden Särge. Unzählige Totenladen hängen in der Region, wie viele es genau sind, weiß niemand. Sie werden vor allem an Höhleneingängen platziert um die Toten vor Erdbeben, Taifunen und Naturkatastrophen zu schützen. Einige der Särge sind winzig. Das liegt aber nicht an der Körpergröße der Filipinos sondern daran, dass diese Gestorbenen in der Fötusposition ins Himmelreich geschickt werden sollen, in derselben Position, in der sie auf die Welt gekommen sind.

Die einzige Straße mit Kopfsteinpflaster in Asien? 

Quasi auch in Fötus-Position gedrängt fahren wir sechs Stunden weiter in den Norden, nach Vigan. Der Stadtkern der alten Kolonialstadt ist geprägt von spanischer und chinesischer Architektur. Tatsächlich kann man Einflüsse verschiedenster europäischer und asiatischer Kulturen erkennen. Die Prunkstraße ist beeindruckend. Leider haben das nicht nur wir erkannt und so drängen wir uns mit halb Asien durch die Straße. Überall werden Selfies gemacht, auch das Kopfsteinpflaster wird fotografiert, schließlich sieht man das in Asien nicht alle Tage. Zwischen dem Getümmel stolpern Pferde, die müde Kutschen hinter sich herziehen. Europa-Disneyland für Asiaten.

Zur Entspannung nach dem Trubel kehren wir in eine Touristenfalle direkt an der Hauptstraße ein und hoffen auf Essbares. Wir werden enttäuscht, mein Essen ist kalt und ich esse nur ein paar Bissen. Mal wieder Cracker zum Abendessen. Ich sehne mich nach einer harmlosen Kokosnuss, aus der man ohne bedenken schlürfen kann.