Quasi eh Deutsch

07.11.2018

Es ist interessant zu beobachten, an welchen Ecken der Welt sich verschiedene Nationalitäten außerhalb ihres Heimatlandes bündeln. Vor meiner Reise hatte ich erwartet, nur von Engländern umgeben zu sein. Tatsächlich habe ich einige Engländer kennengelernt aber bei weitem nicht so viele wie ich erhofft/befürchtet hatte (da kommt es jetzt ganz auf die persönliche Interpretation an). Niemals aber hätte ich erwartet, ständig von Holländern umgeben zu sein. Das verhältnismäßig kleine Volk treibt sich in ganz Asien herum und man hat das Gefühl, es handele sich um eines der bevölkerungsreichsten Länder Europas, wenn man sich ihrer Konzentrierung in Asien vor Augen hält.

Crashkurs in Dutch

Ich habe in meinem Leben noch kein einziges Wort Dutch gelernt, aber nachdem ich monatelang von Holländern umgeben war, kann ich nun tatsächlich von mir sagen, einige Konversationen in der Sprache zu verstehen. So oft, war ich die einzige Person in einer Gruppe, die die Sprache nicht beherrschte, dass einfach improvisiert habe. Konzentriert zuhören und auf Deutsch antworten klappt meistens. So hat der Großteil meines Französisch-Unterrichts auch ausgesehen.

Wenn es aber eine Nation gibt, die ich noch öfter als die Einwohner der Niederlanden angetroffen habe, dann waren das meine großen Nachbarn, die Deutschen. Es scheint keine Rolle zu spielen, wo auf der Welt man sich aufhält. Ob in Asien oder Südafrika, anscheinend auch in Südamerika, Neuseeland und Australien soll es nur so von ihnen wimmeln: Die Deutschen sind überall.

Meine Superkraft 

Das Gute an der Sache für mich ist, das ich mich mit anderen darüber beschweren kann, dass quasi überall nur Deutsche sind, und mich nicht als Teil des Problems zu sehen. Ich glaube nicht, dass sich jemals jemand in Asien darüber beschwert hat, zu viele Österreicher gesehen zu haben. Außerdem kann ich in Beisein von Deutschen meine Superkraft auspacken: Ich kann sie verstehen, kann mich mit ihnen unterhalten, bin aber aus dem Schneider, wenn es um negative Assoziationen zu dem deutschen Überfluss gibt. Nicht selten habe ich auf meiner Reise (auf Deutsch, zu Deutschen Freunden) gesagt: "Sind hier eigentlich alle Deutsch?" worauf sich stets mindestens zwei Rentner, drei Rucksacktouristen und jemand, von dem ich anfangs angenommen hatte, er sei Einheimischer umdrehen. Gut, also diese Frage lässt sich eindeutig mit Ja beantworten.

Beginnt man also ein Gespräch mit einem der Deutschen, die sich jetzt umgeschaut haben, läuft es immer gleich ab. "Ah, du bist auch Deutsch?"

"Nein, ich bin aus Wien."

"Ah, Österreich, aber du redest gar nicht so Österreichisch!"

Wie redet man in Österreich? Scheinbar nicht so wie ich

Bei diesem Kommentar muss ich meistens tief durchatmen und zu einer langen Erklärung ansetzen. Nein, nicht alle Österreicher leben auf der Alm. Nein, ich kann nicht Jodeln. Ja, Skifoan ist wirklich des leiwandste. Meistens belasse ich es aber doch nur bei einem kurzen: "Ich bin aus Wien, da reden die meisten Leute in meinem Kreisen normales Hochdeutsch." Verwirrte Gesichter. Gut, ich muss schon auch zugeben, dass mich selbst meine aus Niederösterreich stammenden Großeltern früher etwas verwirrt angeschaut haben, da ich für österreichische Verhältnisse sehr "deutsches" Deutsch spreche. Aber was soll ich sagen, ich habe in meiner Kindheit fast ausschließlich deutsches Fernsehen gekuckt (nein, so weit kommt es nicht: geschaut) und wenn man monatelang mit keiner einzigen österreichischen Seele kommuniziert und täglich von unzähligen Deutschen umgeben ist, ist es schwer den Wiener Akzent zu behalten.

Im Laufe meiner Reise ist es sogar so weit gekommen, dass ich mich ständig als Deutsche bezeichnet. Das mache ich teils weil ich dem Taxifahrer aus Laos keine anstrengende Erklärung geben wollte, teils weil ich es einfach so gewohnt war. Ja, ja, ich weiß das verletzt die österreichischen Prinzipien zutiefst. Aber bitte erkläre einem achtjährigen afrikanischen Schulkind, dessen Welt nur aus China, Amerika und Deutschland besteht, dass du Weiß bist, aber trotzdem weder aus den USA noch Germany kommst. Aber ich kann wenigstens behaupten, unzähligen afrikanischen Kindern Infos über Österreich aufgedrückt zu haben. Wenn unser Land schon nicht bedeutend genug ist, um es einfach so zu kennen, muss ich mir es halt als Aufgabe machen, persönlich darüber zu berichten. 

Identitätskrise

Da ich aber kaum mit Österreichern in Kontakt kam, führte das meinerseits zu einer kleinen Identitätskrise. Ihren Höhepunkt erreichte sie, als ich in Laos bei einem Nachmittäglichen Spaziergang ein Schild zu einem Deutsch-Thai Restaurant entdeckte. Natürlich musste ich sehen und schmecken, was es damit auf sich hatte und setzte mich in das kleine Restaurant. Nach einem Blick auf die Karte war natürlich sofort klar, dass ich, soviel Österreicherin steckt noch in mir, ein Wiener Schnitzel bestellen musste. Da es in der kleinen Hütte kein W-LAN gab, mit dem ich mir die Zeit vertreiben konnte, während ich auf mein Essen wartete, holte ich mein Reisetagebuch heraus und begann zu schreiben. Auf Deutsch. Gut, das mag für die meisten nicht allzu schockierend klingen, aber ich schreibe mein Tagebuch seit einigen Jahren auf Englisch. Ursprünglich habe ich damit angefangen, um mein Englisch zu verbessern (Streber-Move) mit der Zeit aber fiel es mir viel leichter meine Gedanken auf einer anderen Sprache auszudrücken, wenn ich sie nochmal durchlebe. Spätestens seit Beginn meiner Reise fiel es mir aber schlicht und einfach leichter, mit der englischen Sprache umzugehen.

In jener Deutschen Hütte aber war ich stolz auf meine Superkraft Deutsch sprechen zu können und begann zu schreiben:

Ich sitze gerade in einem Deutsch-Thai Restaurant in Laos und warte auf mein Wiener Schnitzel. Das muss dokumentiert werden. Manchmal fühle ich mich in letzter Zeit so als würde ich meine Heimat nicht richtig/gerne/gut repräsentieren. Ich bin Wienerin, nicht Österreicherin. Ich kann mich mit Österreich nur schwer identifizieren, ich bin ja nie wirklich im richtigen Österreich. Als Wiener steckt man immer zwischen Österreich und Deutschland. Definitiv keine Deutsche, da gibt es schon noch große Unterschiede in der Persönlichkeit. Ich würde gerne wissen, ob ich mich als echte Österreicherin identifizieren kann, wenn ich mein eigenes Land und die Leute besser kennenlerne. Es wäre schön, mein Land stolz vertreten zu können, nicht nur Wien. (Tiefgründige Gedanken beim Schnitzel essen)

Man muss bei diesem eher beschränkt patriotischen Text zu meiner Verteidigung dazu sagen, dass ich "I am from Austria" daneben gekritzelt habe und den Liedtitel mit Noten geschmückt habe. Wenn mal nicht ein Schritt in die richtige Richtung ist...

Auf einmal Repräsentantin von Deutschland 

Um alle Menschen, die sich jetzt fragen, ob dieser Blogpost noch mehr Potenzial für Aufreger beinhalten kann, zu bestätigen: Eines Vormittags in Südafrika beschlossen wir Freiwilligenarbeiter, den Kids mehr über Geografie und die Welt beizubringen. Wir suchten ein paar wichtige Länder aus jedem Kontinent zusammen und gestalteten Plakate. Kein Wunder, das Österreich nicht zu den wichtigsten Ländern Europas auserkoren wurde. Während Kanadier, Amerikaner, Mexikaner, Franzosen und Brasilianer um mich herum saßen und sich überlegten, wie sie ihr Land am besten präsentieren konnten, googelte ich nach deutschem Essen und ärgerte mich, dass das erste Gericht das auf meinem Handybildschirm aufschien Wiener Schnitzel war. Ich hatte Bier und Currywurst bereits auf meinem Plakat stehen, mir fielen aber keine anderen typisch deutschen Gerichte ein, die nicht insgeheim österreichisch waren.

Als ich also mein Plakat fertig gestaltet hatte, ich hatte noch Bratwurst als zusätzliches typisches deutsches Gericht gezeichnet, begaben wir Helfer uns in den Klassenraum und begannen zu erzählen. Als ich an der Reihe war, berichtete ich brav das man Deutsch sprach, viel Fußball spielte und Currywurst aß. Ich dachte, ich hätte meine Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt. Eine mexikanische Kollegin war anderer Meinung und setzte an: "Aber Kinder, habt ihr schon mal von den Weltkriegen gehört?" Ohhhh Gott, here we go, darauf war ich eindeutig nicht vorbereitet. Tja, zwei Minuten später stand ich an der Tafel und musste ein riesiges Hakenkreuz aufzeichnen. Da geht eine Österreicherin nach Afrika und malt Hakenkreuze an Schultafeln. Auf jeden Fall wurde der Geografieunterricht danach abgebrochen und in eine ausführliche Geschichtsstunde umgewandelt darüber, dass es über Deutschland doch mehr zu erzählen gibt, außer dass man sich mit "Hallo" begrüßt. Tja, wenn wir schon mal beim Thema waren, konnte ich dabei unterbringen, dass es ein Land namens Österreich gibt, dieses Mal aber leider nicht ganz auf die Methode wie ich es mir erhofft hatte. Ich bin wohl keine gute Repräsentantin für Deutschland.