Swedish way of life

25.11.2019

Wie sind sie denn wirklich, die Schweden? Ich verbringe ein Wochenende in der zweitgrößten Stadt des Landes, Göteborg. Hier lerne das Land der Elche und Fleischbällchen abseits der Hauptstadt kennen. In Göteborg besuche ich meine Freundin Molly, die ich vor etwa eineinhalb Jahren bei der Freiwilligenarbeit in Südafrika kennengelernt habe. Sie erzählt mir über ihr Leben im Norden Europas.

Das Alkohol-Problem

Alles hat hier seine Ordnung. Ich bin erstaunt, als ich den "Alkohol-Laden" betrete. Alkohol kann man in Schweden nämlich nicht im Supermarkt kaufen, sondern nur in eigens dafür vorgesehenen Geschäften. Alle Flaschen stehen perfekt geordnet in Reih und Glied hintereinander. Es sieht fast aus wie in einer Apotheke, eben nur mit Wein, Bier und Wodka in den Regalen. Um Alkohol in einem dieser Läden zu erstehen muss man mindestens 20 Jahre alt sein, trinken darf man aber offiziell schon mit 18. Molly kauft ihren Alkohol meist im nahen Dänemark ein. Von weitaus billigeren Getränken trennt sie nur eine Fährfahrt. 

Hauptattraktion Supermarkt 

Eine weitere Geschäftsform begeistert mich: die Süßigkeitenläden. Die Leckereien füllt man sich hier selbst in die Papiertüte, so wie wir es von Marktständen kennen. Hier ist das die normale Art, Süßigkeiten zu kaufen. Es gibt eine unglaubliche Auswahl, ganze Geschäfte sind den Süßigkeiten gewidmet. Die Gummibärchen wirken weitaus weniger abgestanden und alt als in vergleichbaren Geschäften in Deutschland.

Mit Süßigkeiten ausgestattet schlendern Molly und ich durch die Stadt. Göteborg würde ich als eine Mischung aus Norwegen und Prag bezeichnen. Zwischen typisch schwedischen Häusern stehen anmutige Bauten, die ich aus meiner Heimat Wien gut kenne. Eine perfekte Mischung, ich fühle mich wohl. Die Stadt hat etwa 600 000 Einwohner und für mich vor allem eins: gemütlich. Die Sonne sehe ich während meines Aufenthalts zwar nicht, aber die hat sich im gesamten November auch nur für insgesamt drei Stunden gezeigt, wie wir bei einer kurzen Google Recherche herausfinden.

Im Anschluss zu unserem Spaziergang gehen wir einkaufen. Denn nicht allzu überraschend ist Essen gehen hier teuer. Zwar ist die Stadt nicht so hochpreisig wie Stockholm, trotzdem kann man in der fünftgrößten skandinavischen Stadt arm werden. Das Preisniveau würde ich als etwas über Wien beschreiben. Der Besuch im Supermarkt stellt sich als weiteres Highlight heraus, auch dieser ist klinisch aufgeräumt und die Produkte scheinen neben dem beeindruckenden Preis auch eine beeindruckende Qualität zu haben. Aber täglich könnte ich mir das nicht leisten.

Studenten wohnen in Schweden billiger als in Berlin

Einige Studenten nehmen sich hier während des Studiums einen Kredit auf, um ihre Lebenskosten decken zu können. Außerdem bekommen sie vom Staat Geld fürs Studieren. Wohnen ist hier (wer hätte es gedacht) billiger als in Berlin. Molly wohnt im Stadtzentrum und hat ihre Wohnung im Studentenwohnheim schnell bekommen. Sie hat mehr Quadratmeter zu Verfügung als ich und wohnt im teuren Schweden. Trotzdem zahlt sie für ihre Wohnung weniger als ich in Berlin.

Schule, wie ich sie gerne absolviert hätte

Am nächsten Tag sitzen wir bei leckeren Zimtschnecken im Café und unterhalten uns über das Schulsystem in unseren Ländern. Nach fünf Jahren Grundschule gehen die Schweden vier Jahre lang in die Unterstufe, gefolgt von drei Jahren im Gymnasium. Gymnasium bedeutet in Schweden aber nicht das selbe wie hier, es handelt sich um weiterführende Schulen in verschiedenen Bereichen. Man kann aus Schwerpunkten wie Kunst, Naturwissenschaften oder Sozialwissenschaften wählen. Die letzten drei Jahre kann man also relativ flexibel gestalten. Eine Schule, die ich als Österreicherin gerne kennengelernt hätte.

War man überhaupt in Schweden, wenn man nicht bei Ikea war?

Natürlich darf ein Besuch bei Ikea an diesem Wochenende nicht fehlen. Tatsächlich stolpern wir durch Zufall in das Möbelhaus und verdrücken den obligatorische Hotdog. Ein wenig enttäuscht muss ich feststellen, dass ich mich genauso gut in Berlin befinden könnte. Der Ikea sieht genau so aus wie zu Hause. Die Wörter auf den Schildern sind genauso Schwedisch wie in Deutschland. Köttbullar gibt es hier übrigens gar nicht so oft in Restaurants abseits von Ikea. Wenn Molly das für uns typische "Ikea-Essen" verdrücken will, tut sie es genau da, wo wir es auch tun: bei Ikea.

Zurück im Auto drehen wir das Radio an und Molly erzählt mir, dass es in der letzten Woche immer um das Selbe ging. Ein Mädchen sei irgendwo in Schweden bereits seit neun Tagen verschwunden. Das ganze Land hält den Atem an, es ist das Gesprächsthema schlechthin. Auch Mollys Eltern, die ich am nächsten Tag kennenlerne, spekulieren mit ihrer Familie darüber, wo das Mädchen sein könnte. In einem Land mit einer so geringen Kriminalitätsrate wie Schweden sind Fälle wie dieser eine seltene Angelegenheit.

Da muss ich jetzt durch 

Ein Kriminalfall ist aber unser Abendessen. Molly zerrt mich in einen Pizzaladen, denn schwedische Pizza sei besonders. Nach einem Blick auf die Speisekarte ist klar, was sie damit meint. Hier gibt es Pizza mit den wildesten Belegen, da zählt Pizza Hawaii noch zu den harmlosesten. Mollys Lieblingspizza ist unter anderem mit Banane und Curry Pulver belegt. Die Kombinationen sind total aus der Luft gegriffen und klingen nicht nach etwas, was ich auf meiner Pizza haben will. 

Trotzdem bin ich mutig und bestelle eine Kebab Pizza. Und reagiere völlig überfordert auf die Frage, welche Sauce ich haben will. Sauce? Wohin denn? Das sei hier so üblich und so bestelle ich passenderweise Kebab Sauce. Die Pizza kommt und ist so voll mit Fleisch, dass ich den Boden nicht mehr sehen kann. Skeptisch traue ich mich und nehme einen Bissen. Mhm, gar nicht so schlecht. Etwas verlegen muss ich feststellen, dass Kebab und Pizza geschmacklich ganz gut zusammenpassen. Es wird wohl trotzdem bei diesem einen Ausflug in die Welt der verrückten Pizzabeläge bleiben. Bei einigen der anderen Variationen kann einem nur mehr Gott helfen.

Wie es mit der Religion steht

Ob Gott hier regelmäßig vorbeischaut, ist aber fraglich, denn Religion spielt hier quasi keine Rolle. Fast niemand sei hier gläubig, lässt Molly mich wissen. Sie selbst ist zwar evangelisch konfirmiert, praktiziert den Glauben aber nicht aktiv, wie fast alle hier. Im Zusammenhang mit Religion spricht sie von vielen neuen Menschen, die hier 2015 hingekommen sind, und religiöser leben, als die meisten Schweden. Es ist erfrischend, dass jemand von "Menschen" die "herkommen" spricht, und nicht von "Flüchtlingen" die "flüchten". Sympathisch, die schüchternen Schweden.

Ich sitze beseelt im Bus am Weg zum Flughafen. Es gibt noch so viel, was ich über dieses Land erfahren will. Kulinarisch haben sie´s echt drauf, die Schweden. Und gemütlich ist es hier. Schweden, wenn du mich im grauen November von dir begeistern kannst, dann bist du wohl ziemlich cool.