Eine Wanderung in Sri Lanka, die ich bitter bereue

05.04.2020

Wir wollen weiter durch Sri Lanka wandern und das heißt hier: den Adams Peak hinauf. Um den Sonnenaufgang um 6:15 am Gipfel des Bergs zu sehen rät uns der Rezeptionist, um 1:30 aufzubrechen. Warum uns das bei einem drei-stündigen Aufstieg empfohlen wird ist erst unklar, wird sich aber morgen in aller Deutlichkeit zeigen. Mit dem Schlaf in den Knochen spazieren wir zum Anfang des Weges und - spazieren weiter. Wenn das so bis 6:00 weitergeht, ist das die angenehmste Wanderung meines Lebens! Rund eine Stunde geht es flach und ohne Anstrengung weiter - Henri und ich werden etwas zu enthusiastisch. Denn dann sehen wir die Treppen. Und sie hören nicht mehr auf. Auf den 2 243 Meter hohen Berg führen insgesamt 5.500 Treppenstufen. Es sind nicht nur sie, die mich enttäuschen. Der Weg führt nicht durch die Natur, sondern ist asphaltiert und besteht, nun ja, nur aus Treppen. Ein Naturerlebnis sucht man hier vergebens.

Auch nach Einsamkeit und Ruhe hier sucht man hier wohl lange. Wir haben für die Besteigung des Berges einen Montag gewählt. Blöderweise ist aber in dieser Nacht Vollmond, ein buddhistischer Feiertag. Scheinbar hat sich ganz Sri Lanka an diesem Montag versammelt, um Buddha Ehre zu erweisen. Dessen Fußabdruck gibt es nämlich angeblich am Gipfel zusehen. Ich muss angeblich schreiben, weil wir es nicht bis nach oben schaffen. Das lag, anders als man vermuten mag, wenn man sich die anderen Wanderer ansah, nicht an unserer Kondition. Während des Aufstiegs sah ich fast ausschließlich torkelnde Wanderer um mich, die scheinbar die Kontrolle über ihren Körper verloren hatten. Der Grund für unseren Abbruch war ein anderer.

Jeder, aber wirklich jeder musste zum Gipfel. Um 3:00 morgens sah ich schlafende Babys, die von ihren Eltern den Berg hinuntergetragen wurden. Neben ihnen kämpften sich Blinde, körperlich eingeschränkte und wirklich, wirklich alte Menschen den Berg hinauf. Um ein Gefühl des Wahnsinns zu geben: insgesamt haben sich siebenmal jeweils vier Träger an mir vorbeigedrückt, die in ihrer Trage einen Gehunfähigen den Berg stundenlang hochgetragen haben. Ganze Familien erklommen den Berg, niemand wurde zurückgelassen. Das Baby wurde nicht bei Oma abgegeben, Oma ging selbst mit.

Viele waren der Herausforderung nicht gewachsen. Die Treppen waren voller Menschen, die die Kraft verloren hatten. Den Kopf in die Hände gestützt saßen sie da, völlig entsinnt. Basisstationen an den Seiten versorgen sie mit Tee und Schlafplätzen. Wir nehmen an, dass viele Gebrechliche den Weg nur auf mehrtägigen Touren schaffen. Wir sehen Menschen, die selbst dem normalen Alltag körperlich nicht gewachsen sind, hier aber auf über 2000 Meter hoch wollen. Alles nur, um einen Fußabdruck zu sehen.

Wie bereits erwähnt sehen wir diesen nicht. Denn nach rund zweieinhalb Stunden Aufstieg müssen wir uns anstellen. Es fahlen noch rund 600 Meter zum Gipfel, wir nehmen an, dass es bei der nächsten Basisstation einen Segen oder Tee gibt, für den man sich hier anstellt. Aber die Schlange hört nicht auf, und der Wahnsinn beginnt. Zwei Stunden lang stellen wir uns an, um den Berg weiter hochzuwandern. Zwei Stunden stehen wir für dreihundert zurückgelegte Meter. Wir warten eingequetscht zwischen Alten, Jungen, Schlafenden, Erschöpften und Ruhigen. Den Sonnenaufgang erleben wir in der zweiten Reihe der Schlange in der Nähe des Gipfels. 

Ich bereue alles. Das frühe Aufstehen, das Anstehen und das Gehen. Wir schätzen, wie lange wir in der Schlange noch zum Gipfel brauchen und kommen auf drei bis vier Stunden. An der Seite überholen wir ein paar Meter, weil wir von Einheimischen wiederholt dazu aufgefordert werden. Dann werden wir erbost wieder zurückgeschickt. Ich kann selbst nach Stunden nicht ganz glauben, was hier passiert. Stellen sich nur die Buddhisten für eine Art Segen oder einen Blick auf den Fußabdruck an? Ich möchte einfach an die Spitze dieses Berges und die Aussicht sehen, Fußabdruck hin oder her. 

Wir geben auf. 30 Meter von dem Aussichtspunkt, der sich 200 Meter unterhalb des Gipfels befindet, ist es aus. Wir haben keine Lust mehr, wollen uns die Zeit nicht nehmen. Adams Peak, du warst es nicht wert - dafür die wahnsinnigste Bergerfahrung, die ich je machen werde.