Warum jeder Backpacken sollte

22.05.2018

Das Backpacken und die damit verbundenen Erlebnisse passend zu beschreiben ist wirklich schwer. Man kann dem Ganzen einfach kaum gerecht werden. Egal, mit wie vielen Adjektiven man um sich wirft, genau wird es sich der Gesprächspartner nie vorstellen können, was den jetzt die Magie am Backpacken sein soll, hat er es nicht selbst ausprobiert.


Um den Spirit dieser Art das Reisen rüberzubringen, fällt mir eine Geschichte ein, die ich nicht zu den spannendsten, lustigsten oder überraschendsten meiner Reise zählt. Nein, die Geschichte ist wirklich nicht sonderlich aufregend aber trotzdem repräsentativ für meine Zeit als Rucksacktouristin in Asien.

"Einfach dem schreienden Mann im Bahnhof folgen"

Es war ein Montag Anfang Februar. Gerade bin ich von Nepal wieder zurück nach in Bangkok gereist, um in den Süden von Thailand weiterzuziehen. Den Tag habe ich in der Thailändischen Hauptstadt verbracht, die ich nicht unbedingt zu meinen Lieblingsstädten zählen würde. Trotzdem hatte ich einen relativ erfolgreichen Entdeckungstag verbracht und mich seelisch darauf vorbereitet am selben Abend den Nachtbus nach Koh Tao zu nehmen. Die Rezeptionistin des Hostels hatte mir gesagt, ich solle in einer großen Zugstation warten. Irgendwann würde ich einen Mann sehen, der in die Mitte der Halle stellen würde, und laut Koh Tao schreien würde. Diesem vertrauenswürdigen Gesellen sollte ich dann folgen, er würde mich nach Koh Tao bringen. Gut, klang seriös und hatte wenig Potenzial schief zu gehen, dachte ich mir, und kaufte mir mein Ticket nach Koh Tao an der Hostelrezeption. 

Zum ausgemachten Zeitpunkt stand ich in der Mitte der riesigen Bahnhofshalle und konnte keinen Mann sehen oder hören der irgendwelche Destinationen durch den Raum rief. Ich fragte bei einigen Infoständen, dessen Angestellte entweder kein Englisch, oder mir nicht helfen konnten und lief, von Minute zu Minute panischer durch die Halle. Ich wollte keinen weiteren Tag in Bangkok bleiben. Der nächste Nachtbus ging erst in 24 Stunden und ich hatte schon mehr als genug Zeit in der Stadt verbracht. Eine Frau aus einem Zuckerwatte-Shop (falls ihr euch fragt, warum auf einem Bahnhof Zuckerwatte verkauft wird, habe ich nur eine Antwort: Thailand) erklärte mir schließlich, dass hinter dem Bahnhofsgebäude einige Busse wegfuhren. 

Ich rannte los. Tasche hinten, vorne, und auf der Seite, einmal um das Bahnhofsgebäude herum und - tatsächlich, sah zwei Busse. Außer Atem wackelte ich mit meinem Ticket vor den Gesichtern, der nicht Englisch sprechenden Busfahrer herum, die wiederum etwas zögerlich auf den Doppeldeckerbus hinter mir zeigten. Sehr skeptisch, aber aufgrund mangelnder Alternativen beschloss ich, mein Glück in Schicksals Hand zu legen, und einfach einzusteigen. Ob mich der Bus nach Koh Tao bringen würde? Wer weiß? Aber wenigstens raus aus Bangkok, und das war ja schon mal etwas.

Eingestiegen, setzte ich mich auf einen der wenigen freien Plätze gegenüber von einem Mann, der Julia Roberts Lover auf Bali aus Eat Pray Love unglaublich ähnlich sah. Er war von Spanien nach Bali gezogen war, um dort seine Rente zu verbringen. Nachdem wir uns lange unterhalten hatten, und nachdem der Bus schon lange losgefahren war, erfuhr ich, dass auch er auf dem Weg nach Koh Tao war. Und Mr. Ich-verbringe-meine-Rente-mit-Massagen-und-Yoga-Stunden-auf-Bali musste es ja wissen. Ich lehnte mich entspannt zurück (so sehr man das halt auf Thailändischen Landstraßen machen kann) schloss die Augen und versuchte einzuschlafen.

Ausgespuckt am Pier

Als ich sie wieder öffnete, war der Bus bereits am Pier angekommen, an dem unser Boot uns nach Koh Tao bringen sollte. Es war 2: 30 und wir waren und selbst überlassen. Mhm, beeindruckend, dass die Fähren selbst Mitten in der Nacht fuhren, dachte ich mir, und musste den Gedanken wenige Minuten später leider völlig überdenken. Nein, die Fähren fuhren nicht mitten in der Nacht. Die Fähren fuhren erst ab sieben. Also in viereinhalb Stunden. Es war also halb drei in der Früh, kaum jemand hatte länger als 20 Minuten im Bus geschlafen und wir waren irgendwo im nirgendwo.

Wie das beim Backpacken so ist, kommt man miteinander ins Gespräch. Irgendjemand hat immer eine Gitarre und ein Deck Karten dabei. Ich schloss Freundschaft mit einem Kanadier, einem US-Amerikaner, einem Holländer und einer Engländerin. Wenn ich so darüber nachdenke, ist diese Zusammensetzung von Nationen ziemlich repräsentativ für die Nationen, die einem in Südostasien ständig begegnen. Da saßen wir also, mitten in der Nacht, und spielten Karten an einer unbeleuchteten Parkbank irgendwo in Thailand. Niemand wusste so genau wie der Ort hieß, an dem wir uns aufhielten.

Irgendwann, nach mindestens 28 Runden des Kartenspiels Shithead begannen wir davon zu träumen, wie schön in dieser Situation wohl ein Bierchen wäre. Selbst ich, begnadete Bier-Hasserin (ja, ich weiß, ich mach mir mit dieser Aussage in Rekordzeit Feinde) hätte in diesem Moment nicht nein zu einem Chang gesagt. Es muss der Holländer gewesen sein, der pragmatisch genug war, auf einer Karte nachzusehen, ob es in der Nähe einen 7/11 Supermarkt gab, bei dem wir uns mit ein paar Bier versorgen könnten. Und - oh Wunder, es wäre ja nicht Thailand, wenn da nicht ein 7/11 in nur einem Kilometer zu erreichen wäre.

Wir fünf sprangen auf und brachten sogar eine Gruppe von zehn weiteren gestrandeten Backpackern dazu, mit uns mitzuziehen. Kaum erspähten wir nach kurzen Fußweg das vertraute Schild des 7/11 wurden Freudenschreie ausgestoßen. Die Dorfbewohner, die gerade den Morgenmarkt aufbauten, schauten uns verwirrt an.

Es war zu schön um wahr zu sein: Im Supermarkt mussten wir erfahren, das zwischen 20 und 7 Uhr Morgens kein Alkohol verkauft werden durfte. Spaß-halber schlug ich vor, es mit Bestechung zu versuchen, der US-Amerikaner nahm meinen Vorschlag gleich an (hier könnte ich viele, viele Witze über diese Nation einbauen, entschließe mich hiermit aber es nicht zu tun, weil die Aussage sowieso für sich spricht) und brachte die Kassiererin dazu, uns allen unser Bier zu verkaufen. Eine weitere Welle an Freudenschreien später saßen wir wieder an unseren Parkbänken am Pier, tranken die eroberten Changs, hatten neue Freunde gefunden und sahen der Sonne beim Aufgehen zu.

Und hier meine Lieben habt ihr es - das ist Backpacken.