Was hat Armenien zu bieten?

06.08.2019

An was denkst du, wenn du an Armenien denkst?

Wenig, wahrscheinlich. Aber eigentlich ist das gar keine so falsche Erwartungshaltung. Denn wirklich viel touristisch interessantes hat das Land meiner Meinung nach nicht zu bieten.

Meine Reise beginnt in Jerewan, die Hauptstadt von Armenien. Hier leben mit 1,4 Millionen Menschen etwa die Hälfte der Bevölkerung des kleinen Landes. Die Fläche von Albanien macht nur etwas mehr als ein Drittel der Fläche von Österreich aus. Die Hauptstadt Jerewan kann mich nicht begeistern. Der kommunistische Baustil und die damit verbundene Vergangenheit macht sich bemerkbar. Aber nicht so deutlich, dass es das gesamte Stadtbild ausgemacht hätte - in Jerewan gibt es durchaus lebhafte, quirlige Stadtteile wie den riesigen Hauptplatz und eine Prunkstraße. Mehr als diese paar Orte sind aber nicht erwähnenswert. Jerewan wurde durch ein Erdbeben 1988 stark zerstört und so sind die meisten Gebäude der Stadt neu. Neu heißt in dem Fall aber nicht modern. Jerewan bleibt so für mich eine Stadt, bei der nicht viel in Erinnerung bleiben wird.

Weg von der Hauptstadt geht es in das Hinterland. Auf dem Weg zieht die Landschaft im gewohnten Anblick vorbei. Wir fahren durch Wälder, die so auch in Mitteleuropa stehen könnten. Teilweise sehe ich steppenähnliche Landschaften vorbeiziehen. Aber nichts, was ich als überaus sehenswert einstufen würde. Wir sind auf dem Weg zu Sehenswertem. Und zu sehen gibt es hier vor allem viele verlassene Klöster. Zerfallen oder neu, groß und klein, interessant oder beim fünften Kloster dann eben nicht mehr. Ich muss zugeben, die Klöster sind teilweise schön in der Natur gelegen, aber hat Armenien nicht mehr zu bieten als Klöster?

Ja, zum Beispiel den Sevansee. Der riesige See ist der zweitgrößte Hochlandsee der Welt und der ganze Stolz der Armenier. Das Wasser ist schön türkis aber kalt. Baden geht hier fast niemand. Es ist verboten, Ferienhäuser am See zu bauen, hier soll niemand wohnen. So sieht also selbst dieser grundsätzlich schöne See etwas trostlos und verlassen aus.

Ich google nach "Things to do" in Armenien. Alle gesehen. Es liegt also nicht daran, dass ich mir die falschen Dinge angesehen habe. Es gibt einfach nicht mehr.

Geschichtlich hat das Land viel mitgemacht. Von hier auf dem Landweg zu den Nachbarländern Aserbaidschan oder Türkei zu kommen ist unmöglich. Die Grenzübergänge sind gesperrt. Aserbaidschan und Armenien sind seit 1918 im Konflikt über die Zugehörigkeit der Provinz Bergkarabach. Die Region liegt heute in Aserbaidschan, erklärte sich unabhängig - wird aber von keinem Mitgliedstaat der Vereinten Nationen angesehen. Nach einem Besuch in Aserbaidschan wird einem die Einreise nach Armenien verweigert, in umgekehrter Reihenfolge soll es möglich sein.

Auch die Beziehung mit dem Nachbar Türkei ist nicht rosiger. Systematisch wurden die dort lebenden Armenier aus der Ost-Türkei vertrieben und getötet. 1915 kamen schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen Armenier durch die Türken ums Leben. Zum Massaker wird bis zum heutigen Tag seitens der Türkei geschwiegen und die Taten werden von der Türkei nicht als Völkermord anerkannt.

Keine einfache Vergangenheit für die drei Millionen Armenier. Über Armenien zu lernen ist geschichtlich unglaublich interessant. Das kann man aber auch von zu Hause tun. Denn auf der Liste der Länder, zu deren Besuch ich anraten würde, steht Armenien leider weit unten.