Wohnungsjagd in Berlin

15.09.2018

Freitag, 20 Uhr im Rewe in Berlin: Kann es sein, dass ich den Türsteher übersehen habe, der einen nur mit Stirnfransen, Jeansjacke und Cap in den Supermarkt lässt? Befinde ich mich an einem angesagten Style-Treff für Jugendliche, bei dem man seine verrückten Styles für Modescouts vorführt? Oder ist das einfach Berlin? Selten habe ich mich bei einem Supermarktbesuch so uncool gefühlt, dabei wollte ich mir doch einfach nur eine Flasche Wasser kaufen (nein, NOCH nicht VOSS Wasser)

Mit meinem Freund Henri bin auf Wohnungsjagd in Berlin. Das Wort Jagd ist in diesem Zusammenhang wirklich mehr als angebracht. Würde man die Stunden zählen, die ich bereits vor meinem Computer damit verbracht habe, um eine passende WG zu finden, käme man bestimmt auf 100. Wochenlang checkte ich täglich verschiedene Websites wie "wg-gesucht", trete Gruppen auf facebook bei und aktualisiere meine 20 offenen Tabs alle drei Stunden.

120 gescheiterte Versuche 

Ich habe zusammengezählt, wie viele WGs ich angeschrieben habe. Über 120. Etwa 30 davon haben sich zurückgemeldet. Mit zehn war der Kontakt ernstzunehmend. Muss ich weiter ausführen, warum das Abenteuer Berlin plötzlich doch nicht mehr so verlockend und easy klang?

Mal wollte man nicht mit mir skypen, mal sagte man mir ab, weil ich nicht spontan übermorgen in Berlin sein konnte, mal meldete man sich einfach nicht mehr, mal wurde man einfach nur verarscht, mal war das Zimmer dann noch schon vergeben. Die Liste der Gründe, warum es mit mir und meinen Wunsch-WG-Zimmern nicht klappte, schien endlos.

Wohnungsbesichtigungstrip

Ich habe jetzt das große Glück, über viele Ecken und Freunde von Freunden von Freunden, eine WG gefunden zu haben, die, wenn alles klappt, wirklich traumhaft wäre! Trotzdem entschloss ich mich, mit meinem Freund zur Wohnungsbesichtigung nach Berlin zu fahren. Ich hatte dort drei Termine und bei meiner jetzigen WG vorbeizuschauen würde sicher auch nicht schaden.

Der erste Termin stand Freitagabend an. Seinetwegen hatten Henri und ich extra einen frühen Flixbus genommen, obwohl wir jede Extraminute Schlaf gut gebrauchen hätten können. Aber was gibt es schon Schöneres, als seinen Kater in zehn Stunden auf einer Busfahrt auszukurieren? Der Freitagabend Termin wurde noch auf der Flixbusfahrt abgesagt, weil das Zimmer doch schon vergeben wurde. Das hieß Konzentration auf den Termin samstagmorgens. Doch als ich die genaue Adresse für die Wohnung zugesendet bekomme, ist sie doch nicht mehr so mitten in der Mitte von Berlin wie in der Anzeige beworben. Genau genommen liegt sie fast im umliegenden Bundesland Brandenburg. Keine Option für mich.

Neukölln-Horror

Naja, Kopf hoch - dann wird die dritte Besichtigung sicher toll! Der Vermieter dieser WG, mit dem ich vorher schon ausführlich geschrieben habe, klang total sympathisch und die Wohnung vielversprechend. Sie lag außerdem an der Grenze von Neukölln zu Kreuzberg, einem hippen, kreativen Viertel, das sich über die Stadtgrenzen Berlins einen Namen gemacht hat - das war doch zu Gut um wahr zu sein. Kurz gesagt: ja, das war es.

Schon am Weg von der U-Bahnstation zur Wohnung war ich ohne Kopftuch eindeutig in der Unterzahl. Aber das soll mir nichts ausmachen, ein bisschen Multikulti ist ja auch typisch Berlin. Zwischen Dönerbuden und leeren Geschäften entdeckte ich die Hausnummer, die ich suchte, und betrat das Gebäude. Der Vermieter hatte mir erklärt, ich solle die Treppen bis zum Ende hochzugehen. Als ich meine Hand auf das Geländer legte, zog ich sie schlagartig wieder weg. Staubig, feucht. Aber die Abenteurerin in mir lässt sich ja durch nichts beirren und so steige ich das Treppenhaus weiter empor. Schon nach drei Stufen wird mir klar: Das hier gleicht einem Gruselhaus in Disneyland. Fehlen nur noch die übergroßen Stoffspinnen, die sich in den Spinnennetzen hin und her bewegen.

Je weiter ich hinaufstieg, desto dunkler wurde es. Die Fenster waren mit Plakaten beklebt, sodass kaum Tageslicht hereinkam. Ich griff zum Handy und sah, dass ich keinen Empfang hatte. Grandios! Kam mir also jemand mit einer Spitze Heroin entgegen, die er mir einstechen wollte, wovon in diesen Momenten wirklich jede Sekunde auszugehen war, konnte ich nicht mal um Hilfe rufen. Ich hatte es aber fast bis ganz nach oben geschafft und fest vorgenommen lebend zu dieser Wohnungsbesichtigung zu kommen. Also weiter. Erst, als ich oben bei der WG-Eingangstür angekommen war, die genauso unfreundlich wie der Rest des Hauses aussah, erlaubte ich es mir, mich umzudrehen. Diesmal lief ich. Das Treppenhaus hinunter, aus dem Haus raus und zur U-Bahn.